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Offener Brief an Regierungsrat Schnegg zur unendlichen Planungsgeschichte des Spitals Zweisimmen

Von Dr. med. Ueli Corrodi, Lenk/Hinterkappelen(ehemaliger Chefarzt Psychiatrie fmi-Spital Interlaken; Psychiatrischer Fachrichter am Obergericht des Kantons Bern; Mitglied der Stammgästevereinigung Lenk)

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Sehr geehrter Herr Regierungsrat

Demnächst wollen Sie über die Zukunft des Spitals Zweisimmen entscheiden, was viele Menschen in der hiesigen Region sehr beschäftigt. Erlauben Sie mir dazu folgende Stellungnahme:

Ich bin dieser Tage als regelmässiger Gast an der Lenk zum zweiten Mal innert relativ kurzer Zeit notfallmässig im Spital Zweisimmen gelandet, vor einigen Jahren an einem strahlenden Frühlingstag per Helikopter vom Wildstrubelgipfel, neulich bei einer lebensbedrohlichen Bauchkomplikation per Privatauto von der Lenk. Ich bin ausserdem weitere zweimal zur Metallentfernung im Spital Zweisimmen hospitalisiert worden und damit fast zu einem kleinen Experten in Sachen Spitalversorgung im Obersimmental avanciert.

Es ist mir ein Anliegen, Ihnen zu bezeugen, dass im Spital Zweisimmen hoch qualifizierte und äusserst kompetente Arbeit geleistet wird. Ich habe unglaublich engagierte und einsatzbereite Menschen kennengelernt, die in einem schwierigen und bedrohten Umfeld liebenswürdig und freundlich ihre Arbeit verrichten, interessiert, die ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten fachlich und menschlich hervorragend zu begleiten. Es darf nicht passieren, dass ein solches Spital mit seinem aktuellen Leistungsangebot beschädigt wird. Ein Spital Zweisimmen ohne permanente Notfallstation ist ein Unding und dem Untergang geweiht.

Ich gehe davon aus, dass Sie allfällige Reduktionspläne für das Spital Zweisimmen im Rahmen Ihrer Sparbemühungen verstehen. Es wird durch einen allfälligen Leistungsabbau in Zweisimmen aber kein Geld gespart, die Kosten fallen einfach andernorts an, beispielsweise im Spital Thun, oder sie werden über die Transportkosten den privaten Haushalten belastet. Das ist kein Gewinn. Dabei schaffen Sie sehr viel Unsicherheit, Staatsverdrossenheit und Unzufriedenheit. Die Menschen hier fühlen sich durch Ihre allfälligen Abbaupläne vor den Kopf gestossen und für dumm verkauft. Ein voller Erhalt des Spitals Zweisimmen würde nach der Presse jährlich zirka fünf Millionen Franken kosten. Ist das nicht den Preis wert? Kann ein Staat, der vor Jahren locker auf 100 Millionen Franken Einnahmen aus der Motorfahrzeugsteuer verzichtete, unbesehen für einen Bruchteil dieses Betrages ein Spital eingehen lassen? Ein Spital, das für gegen 20 000 Einwohner und in der Touristensaison sommers und winters für weitere tausende von Auswärtigen ein stationäres Versorgungsangebot macht und hunderte von Touristen notfallmässig versorgt? Ein Spital, das kantonsweit Weiterbildungen anbietet, soziale und psychiatrische Institutionen beherbergt und einen einzigartigen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft leistet?

Ich gestehe Ihnen, dass ich auch den Abbau der Geburtshilfe in Zweisimmen als einen Fehler betrachte, für den Ihr Vorgänger die Verantwortung trägt. Es war unter rein finanziellen Erwägungen eine skandalöse Büroentscheidung von Männern über Frauen. Die Geburtshilfe in Zweisimmen sei unrentabel gewesen? Was rentiert denn am Militär und an der Polizei? Die Geburtshilfe unterliege nicht der 50-Kilometer Regel? Das erinnert fatal an Friedrich den Grossen, nach dem «das Schönste am Regieren die Willkür» sei. Die Qualität sei nicht mehr gewährleistet gewesen? Was soll denn an einem nächtlichen Geburtsvorgang im Auto zwischen Gsteig und Thun auf eisiger Strasse besser sein? Ich bemühe mich sehr, nicht polemisch zu sein, doch kommt man nicht darum herum festzustellen, dass hier die Politik auf beschämende Art und Weise versagt hat. Warum schafft es denn der ebenfalls weitläufige Kanton Graubünden, der mit Sicherheit nicht reicher ist als unsere geliebte alte Republik Bern, ein kantonsweites, regionales Versorgungskonzept für die Geburtshilfe aufrecht zu erhalten?

Natürlich macht die aus der Not geborene(!) «Maternité Alpine» in Zweisimmen als regionales Geburtshaus mit einem stationären und breiten ambulanten Angebot eine tolle Arbeit und schaffte es sogar auf die Spitalliste des Kantons Bern. Es gibt eben Frauen, die lieber in einem Geburtshaus ihr Kind zur Welt bringen als in einem Spital. Andere Frauen ziehen die Spitalgeburt vor. Weil dieses Angebot im Spital aber nicht mehr besteht, sind die Geburtszahlen in Zweisimmen massiv eingebrochen. Man kann jedoch mit Sicherheit festhalten, dass bei einem Abbau der Notfallstation im Spital Zweisimmen die «Maternité» existentiell bedroht wird, ist sie doch rund um die Uhr zwingend auf eine interventionsbereite Operationsequipe mit allen modernen Narkosemöglichkeiten angewiesen.

Sehr geehrter Herr Regierungsrat,

Ihnen ist zusammen mit dem Verwaltungsrat des Spitals Thun-Simmental AG (STS AG) die öffentliche Gesundheitsversorgung des westlichen Berner Oberlandes mit seiner Bevölkerung anvertraut und ans Herz gelegt. Es geht dabei um mehr als um die finanzielle Optimierung eines Spitalzentrums in Thun, dessen Arbeit abgesehen davon hoch respektiert und geschätzt ist. Ich bin überzeugt, dass Ihnen auch in der Politik ethische Überlegungen, die über die reinen Finanzen hinausgehen, vertraut sind. Ich bitte Sie darum, bei allem was Ihnen heilig ist, den Menschen dieser Region zu liebe, das Spital Zweisimmen mit einer permanenten Notfallstation zu erhalten, zu fördern und zu stärken und damit allen Beteiligten Ihr Wohlwollen zu bekunden.

Ich wünsche Ihnen bei Ihren Entscheidungen ein weises Herz und eine liebevolle Hand. Für allfällige Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Erstellt am: 09.08.2018

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