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St. Stephan: Noch ein Tourismusort?

Von Susanna & Rudolf Baumann

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Der kritische Leserbrief eines Tourismusfachmanns in der SIMMENTAL ZEITUNG hat uns ermutigt, diese Zeilen zu verfassen: Genau wie Herr Jenne haben wir die prächtigen, und leider bergbahnfreien Ostertage im Simmental genossen. Dank unserer GAs fuhren wir halt mit der Bahn nach Montreux und an den Thunersee, wo die Schiffe fuhren, und liessen dadurch keinen einzigen Franken im Simmental «liegen».

Wir sind seit 40 Jahren Wohneigentümer im Simmental, zuerst am Wiriehorn und seit fünf Jahren in St. Stephan. Dass ich das Simmental liebe und deshalb darüber auch ein Sagen-buch verfasst habe, ist genetisch bedingt, war doch meine Mutter Bürgerin von St. Stephan. Aber auch meine Frau aus dem Thurgau und unsere Kinder freuen sich immer auf die Tage im Bergtal. Die Töchter haben das Ferienlager im «Stöckli» in bester Erinnerung. In St. Stephan steht ja nun der Sessellift still, und es wird von den Behörden immer wieder betont, dass daran die Saanenländer Schuld seien. Ob die Gemeinde St. Stephan wohl nicht auch über all die Betriebsjahre Versäumnisse zu verantworten hat? Der Bus kann ja nur eine Notlösung sein, immerhin wurde die Piste ins Tal präpariert. Der spannende Planetenweg müsste dringend restauriert und der Sagenweg könnte ausgebaut werden: Ich stehe für Letzteres gerne zur Verfügung. Aus dem blumenreichen Unterland fuhren wir vor Pfingsten nach St. Stephan und was mussten wir (erneut) feststellen: Viele Felder waren Anfang Juni schon abgemäht und dunkelbraun bis schwarz vollgegüllt: Es roch so bestialisch, dass wir nachts die Fenster schliessen mussten und nicht auf dem Balkon essen konnten. Regen, der dem ganzen Gestank ein Ende hätte setzen können und laut Gesetz Bedingung fürs Güllen ist, war laut Wetterbericht vorläufig nicht in Sicht. Gedanken zu Ökologie, Biodiversität und Vogelschutz scheinen bei vielen Landwirten des Simmentals noch nicht angekommen zu sein. Die Matten sind wegen Überdüngung oft von einer unglaublichen Artenarmut, Bodenbrüter können nicht nisten usw. Und da sollen Touristen und Zweitwohnungsbesitzer im Sommerhalbjahr zum Wandern, Biken und Sünnelen nach St. Stephan kommen und im «Diana» und im «Stöckli» bei Ammoniakgeruch und Feinstaub ihr Essen geniessen können? Diese unglaubliche «Bschütterei» haben wir im Diemtigtal nie erlebt: Dort gibt es noch viele echte Bergwiesen. Von Frühling bis Herbst wird in St. Stephan mit veraltetem Gerät (keine bodennahe Einbringung) immer wieder kräftig Gülle ausgebracht, auch bei trockenen Böden und keinem nachfolgenden Regen. Und auch an der Lenk wurde übrigens während der tollen Jazztage kräftig «bschüttet»: Swing und Heimatgeruch? Kurz: Wir geniessen hier oben die nebelfreien Tage im Winter und die kühlen Nächte im Sommer, versuchen, uns nicht vom regelmässigen Gestank in der Wohnzone fertigmachen zu lassen, was nicht immer gelingt. Aber wir fragen uns schon, ob sich St. Stephan noch Tourismusort nennen darf. Mit schönen Bergen, alten Häusern, einer schmucken Kirche, lauten Hunter- und Rocktagen und Brauchtum ist es halt – grad im Hochpreisland Schweiz – nicht mehr getan. Als weit gereiste Senioren kennen wir in anderen Alpenregionen viele gute Projekte und Visionen, etwa in Teilen Südtirols, wo kein Wintertourismus möglich ist. Immerhin macht es die Stockhornbahn vor, wie es rund ums Jahr ohne Skilifte touristisch laufen kann: Kompliment! Auch das Bschüttiproblem wird anderswo optimal gelöst, etwa durch bodennahe Ausbringung vernünftiger Mengen vor Regen oder Biogasanlagen für eine ganze Region. Eigentlich schade um das schmucke Dorf St. Stephan an der wilden Simme mit seiner freundlichen Bevölkerung, der guten Bäckerei, den gemütlichen Beizen und den hilfsbereiten Handwerkern!

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Roggwil/St. Stephan

Erstellt am: 20.06.2019

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