Herausforderung Luchs und Wolf in der Schweiz

Wie lebt ein Land mit zwei zurückgekehrten Grossraubtieren und wie viel Regulierung braucht es? Der ehemalige Berner Jagdinspektor Peter Juesy hat in Thun einen selten offenen Einblick in 23 Jahre Arbeit an der Frontlinie zwischen Wildtierbiologie, Politik und Landwirtschaft gegeben. Sein Referat zeigt: Die Schweiz steht mitten in einem komplexen Balanceakt. Und einfache Antworten gibt es keine.

Zum Abschluss der Versammlung referierte der ehemalige Berner Jagdinspektor Peter Juesy zum Thema «Herausforderung Luchs und Wolf in der Schweiz».

Zum Abschluss der Versammlung referierte der ehemalige Berner Jagdinspektor Peter Juesy zum Thema «Herausforderung Luchs und Wolf in der Schweiz».

© Michael Schinnerling

Der Luchs wurde 1971 im Melchtal wiederangesiedelt, gestützt auf einen Bundesratsentscheid aus dem Jahr 1967. Die Tiere stammten aus den Karpaten und fanden in der Schweiz ideale Bedingungen vor. Bereits in den 1980er-Jahren zeigte sich ein deutlicher Einfluss auf Reh- und Gämsbestände, die in einigen Regionen markant zurückgingen. In Spitzenjahren schöpfte der Luchs fast 40 Prozent des Rehbestands ab. Mit der Ausbreitung kamen auch Spannungen. Schafsrisse, politische Debatten und eine Welle von Luchswilderei prägten die Jahre um die Jahrtausendwende. Abgehackte Pfoten, vergiftete Tiere und verschwundene Sender sorgten für Schlagzeilen. Rund dreissig gewilderte Luchse wurden dokumentiert – ohne dass es zu Verurteilungen kam. Für Juesy ist klar: Legale, kontrollierte Eingriffe seien verantwortbar, illegale Selbstjustiz hingegen nicht.

Der Wolf – dynamisch, anpassungsfähig und umstritten

Seit 1995 wandern wieder Wölfe in die Schweiz ein. Heute leben rund 300 Tiere in 43 Rudeln im Land. Die Entwicklung sei dynamisch, sagt Juesy, und die Konflikte nähmen zu. Ein junger Wolf könne fünf bis acht Tiere in einer Nacht reissen, grosse Rudel könnten innert kürzester Zeit ein ausgewachsenes Rind oder einen Hirsch vollständig nutzen. Beispiele aus der Schweiz und dem Ausland zeigen die Spannbreite der Vorfälle: kilometerweite Hetzjagden auf Schafherden, verletzte Herdenschutzhunde, Angriffe auf Mutterkuhherden und einzelne Zwischenfälle mit Menschen in Italien und Deutschland.

Der Wolf sei kein Monster, aber auch kein harmloser Waldbewohner, betont Juesy. Sein Verhalten sei Biologie, nicht Bosheit.

Herdenschutz – wichtig,
aber nicht überall realistisch

Die Schweiz setzt stark auf Herdenschutz. Doch Juesy relativiert dessen Möglichkeiten. Die Topografie vieler Alpen sei ungeeignet, Wanderer und Biker erschwerten den Einsatz von Herdenschutzhunden, und kleine, verstreute Alpen liessen sich kaum schützen. Er verweist auf die Abruzzen, wo Herdenschutz funktioniere, allerdings unter völlig anderen Bedingungen: Herden mit bis zu 2000 Schafen, kaum Tourismus und Hunde, die in der Herde geboren und sozialisiert werden. Solche Strukturen seien mit dem Berner Oberland nicht vergleichbar.

«Koexistenz ja – aber
mit klaren Grenzen»

Zum Schluss wird Juesy grundsätzlich. Koexistenz sei möglich, aber nur, wenn der Wolf scheu bleibe, Abstand zu Siedlungen halte und die Bevölkerung realistisch bleibe. Er zitiert den renommierten Wolfsexperten David Mech, der sagt, wer Wölfe wolle, müsse auch für deren Abschuss sein. Für Juesy ist klar: Die Schweiz braucht ein professionelles, kantonal geführtes Management, das Wildtiere schützt, aber auch die Landwirtschaft ernst nimmt. Und sie braucht eine offene Debatte ohne Ideologie, die anerkennt, dass Grossraubtiere faszinieren, aber auch polarisieren – und dass verantwortungsvolle Regulierung ein zentraler Bestandteil ihrer langfristigen Akzeptanz ist.