Atomenergie beschäftigt
Sehr geehrter Herr Gasche,
vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, in Zweisimmen Ihre Sicht der Energie-Zukunft des Kantons Bern als BKW-Exponent darzustellen. Vielen Dank auch für Ihre Arbeit als Regierungsrat. Ich habe grosse Achtung davor, wie Sie die Arbeit mit der «vor die Nase gewählten» Rot-Grün-Mehrheit fortgesetzt und solidarisch mitgetragen haben. Das war bestimmt nicht einfach.
Die Veranstaltung zur Energiezukunft hat bei mir gemischte Gefühle ausgelöst. Gut getan hat mir die von Ihnen bekräftigte Erkenntnis, dass ein neues AKW Mühleberg, wie es noch am 13. Februar von einer knappen Mehrheit freudig begrüsst wurde, nach Fukushima keinen Sinn mehr macht. Dafür gab mir Ihr Vergleich zum Thema «Restrisiko» zu denken: Man könne schliesslich auch auf der Strasse angefahren werden, das sei auch Restrisiko, sagten Sie sinngemäss.
Bei einem solchen Unfall kann ich hoffen, dass er nicht allzu schlimme Folgen hat für die direkt Betroffenen, hingegen muss ich niemals mit dem Risiko rechnen, dass dadurch der Lebensraum von Hunderttausenden von Unbeteiligten auf Jahrzehnte hinaus verseucht und unbewohnbar wird. Ich finde, das ist ein Unterschied, der den Vergleich unzulässig macht.
Bei der knapp bemessenen Diskussion habe ich (fast zu) viel Zeit für mich selber in Anspruch genommen, um einen bedauerlichen Irrtum zu begreifen. Ich hatte in Ihnen immer noch den (Finanz-)Politiker und Staatsmann gesehen, der nach wie vor Gesamtrechnungen anstellt, und nicht den BKW-Vertreter, der in erster Linie Strom herstellen und verkaufen will. Am Beispiel des geplanten WKW Laubegg wollte ich Ihnen näher bringen, dass solche Projekte und Verkaufsstrategien nicht nachhaltig sind. Wenn mit derselben Investition von 20 Millionen der Anschub gegeben werden kann, um die geplante Strommenge mittels Sonnenkollektoren einzusparen (Sonnenwärme ersetzt Strom aus Elektroboilern), wenn dadurch die überall beschworene und teure Überlastung der Netze gemildert werden kann, wenn damit weiter Folge-Investitionen von 80 bis 100 Millionen ausgelöst werden, mit Dutzenden von Arbeitsplätzen für die Region, dann müsste das auch die BKW interessieren.
Auch wenn Sie den gesetzlichen Auftrag, den ich Ihnen in der Aufregung andichtete, natürlich nicht haben, so haben Sie doch die Aufgabe, die Interessen des Hauptaktionärs zu verteidigen, und das ist der Kanton Bern, der neben der Verzinsung des Aktienkapitals auch andere Sorgen hat: Die Erhaltung von Landschaften und touristischen Sehenswürdigkeiten in einer Region, die zunehmend vom Tourismus leben wird, oder die Entwicklung von Randgebieten, dank der Investition in Arbeitsplätze statt in Staumauern.
Und dass ein Naturschauspiel wie der Laubeggfall schon für sich selber einen Wert hat, müssten wir uns doch alle – gerade nach Fukushima – wieder gemeinsam in Erinnerung rufen. Gusti Pollak, Boltigen