Das Ei des Kolumbus
Alle Achtung, jetzt hat die Führung der Bergbahnen Destination Gstaad das Ei des Kolumbus entdeckt. Nachdem das Konzept Konzentration, mit Schwergewicht Investitionen rund um den Hornberg Schiffbruch erlitten hat, ist der Steuerungsausschuss ins Konklave gegangen. Und siehe da, im weissen Rauch ist ein 53 Seiten starkes, geheimes Strategiepapier herausgekommen.
Nebst Investition zählt nun offenbar vor allem die Erlebniskultur am Berg. Die Bedürfnisse des Marktes, der Gäste und der Einheimischen befinden sich urplötzlich im Zentrum des Geschehens, «ein grundsätzlich neuer Ansatz», wie Armon Cantieni auf dem Internetportal festhält. Offenbar gilt nun auch bei der BDG: «Wier tüe infach Alls für ünser Gäscht».
Eine kluge Erkenntnis finde ich. Sie hat zwar lange auf sich warten lassen und erforderte immerhin ein sehr umfangreiches Richtungspapier. Zur Abwechslung stammt der Papiertiger diesmal aus den eigenen Reihen und nicht von einer Beraterfirma, schon das alleine ist Fortschritt.
Ich frage mich, welches waren denn bisher die zentralen Anliegen der BDG, wenn nicht das kompromisslose Eintreten auf die Kundenwünsche? War ich als Gast in der Prioritätenliste etwa unter «Ferner liefen»? Nur schon der Gedanke daran weckt ungute Gefühle.
Im Grunde genommen ist Kundennähe aber kein revolutionär neuer Ansatz, es ist bloss eine Binsenweisheit. Der Kunde steht nämlich immer im Zentrum aller Bemühungen, egal in welchem Wirtschaftsbereich.
Das wissen schon die kaufmännischen Lehrlinge, dazu bräuchte es eigentlich keine prominenten Strategiepapiere. Ich jedenfalls bin froh, wenn mein Gaststatut nun weiter aufgewertet wird.
All zu gerne begebe ich mich auf die flotten Pisten des weissen Hochlands, mal im genussreichen Sektor West, mal im familienfreundlichen Sektor Ost, wie im Papier geschrieben steht. Jetzt werden mir nämlich auf dem Rinderberg die Skis ausgeladen und am Lift die vor dem Regen geschützten Sessel ausgefahren. Gstaad Mountain Rides – ich weiss warum.
Christoph Gerber, Givisiez