Eine Perle in der Berner Schullandschaft
Schluss, aus, Ende. Genau an diesem heutigen Tag schliesst sich die Türe des Schulhaus Fermel. Sie schliesst sich, wie jedes Jahr vor den Sommerferien. Und doch ist es dieses Jahr etwas anders.
Ein wunderbares Schuljahr geht zu Ende. Ich durfte dieses Schuljahr als Lehrkraft mit den neun 1. bis 9. Klässlern im Fermel erleben – ein Herzenswunsch ging in Erfüllung. Die Gesamtschule stellt für mich eine wunderbare Perle dar. Eine Schulform, die so viele Farben bietet. Und diese durfte ich noch einmal erleben. Wie in jeder anderen Schule wurde gelernt. Mathematik, Deutsch, Französisch… all die Fächer, die mal einfacher und mal schwieriger sind. Und doch ist das Unterrichten, das Lernen in einer Gesamtschule anders als in anderen Schulen. Wer es nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie viele Dinge da zwischen den Büchern und Heften gelernt werden. Dinge, die wertvoll sind für das Leben. Wie wunderbar, wenn ein Kind aus der zweiten Klasse mitten im Unterricht plötzlich die Hand aufhält und sagt: «Schauen Sie einmal, wie die Sonne da draussen schön in die Blätter des Bäumchens scheint.» Oder wenn ein etwas älterer Knabe plötzlich bemerkt, wie die Dächer der Nachbarhäuser «rauchen». Sehr bald fragt ein weiteres Kind, warum das so ist. Und obschon eigentlich das Rechnen das Hauptziel ist, erklären die Ältesten den Jüngern, dass unter dem Dach kein Feuer ist und warum die nassen Dächer bei Sonnenschein dampfen. Klar, man kann sagen, dass die Kinder nicht konzentriert sind, sich von anderen Dingen ablenken lassen. Aber wie wertvoll ist es für mich als Lehrkraft zu sehen, dass die Kinder die Umgebung wahrnehmen und dies im Klassenverband aufgenommen und diskutiert wird. Und um wie viel grösser ist der Lernerfolg, wenn das Lernen auf diese Weise passiert – einfach natürlich. Ein Lernen, das ich in Jahrgangsklassen nie so erlebt habe. Wie sehr schätze ich es, dass wir so viele Jahrgänge im Klassenzimmer haben. Was für andere ein Gräuel ist, scheint für mich die ideale Form des Unterrichtens und Lernens. Von Natur aus ist gegeben, dass alle auf anderen Niveaus arbeiten, dass nicht alle das selbe benötigen und dass es gar keine Möglichkeit gibt, sich gross zu vergleichen. Wie viel Druck fällt da weg.
Zusammenhalten, einander helfen, sich unterstützen, Lösungen suchen, die für alle stimmen – all das sind Werte, die bereits der Jüngste in der Klasse neben dem Unterricht erlernt. Die Hierarchien sind gegeben – niemand muss sich in den Vordergrund drängen. Rangeleien sind überblickbar und werden wenn nötig von Älteren geklärt.
Falls meine Schilderungen nun den Eindruck hinterlassen, dass wir im vergangenen Jahr im Fermelschulhaus nur schönes Wetter hatten, möchte ich dies sofort korrigieren. Auch bei uns gab es schwierige, herausfordernde Situationen. Jedoch sind diese – so nehme ich es zumindest wahr – viel lebensnaher als in Jahrgangsklassen. Wir waren eine Familie und diskutierten die Probleme so zu sagen am Familientisch aus.
Gesamtschule ist eine tolle Lebensschule – für Kinder und Lehrkraft.
Schluss, aus, Ende. Heute schliesst sich die Türe des Schulhaus Fermel. Nicht bloss für die Sommerferien sondern für immer. Eine wertvolle Perle in der Berner Schullandschaft wird trotz Schulschliessung noch lange in meinem Herzen weiterleben. Wer weiss, vielleicht erkennen wir irgendwann, dass die natürliche Altersdurchmischung und die Sonne in den Blättern des Laubbaumes genauso wichtig und wertvoll sind, wie das Büffeln des 1×1.Rebekka Hofmann