Landspitäler als Ausbildungs- und Rekrutierungszentrum für Grundversorger
Erfolgreich tätige Hausärztinnen und Hausärzte in ländlichen Regionen haben wichtige Teile ihrer Ausbildung in Landspitälern absolviert – das hat seine Gründe.
Die hausärztliche Tätigkeit auf dem Land und in Randregionen ist nicht selten vergleichbar mit der Arbeit von Bergsteiger Ueli Steck. Hoch spezialisiert auf ihre eigene Art, gut ausgebildet und optimal auf die lokalen Verhältnisse eingestellt, im Idealfall fit (alle immer etwas älter) und teamfähig, bewegen sich die Akteure mit modernem Material und Wissen effizient und mit wenigen aber guten Ressourcen durch ein mehrheitlich schwieriges und unberechenbares Umfeld. Häufig auf sich alleine gestellt ist die Verantwortung und das Risiko hoch, ein Fehler manchmal fatal. Menschen, die diese Tätigkeiten über Jahre ausüben, werden durch eigene und fremde Ansprüche immer neu an ihre persönlichen Grenzen gepuscht, man hat den Eindruck zunehmend «verantwortungslos», ohne Netz und doppelten Boden.
Landspitäler sind unentbehrliche Partner von Hausärzten
Mein kompetentester Partner als Hausarzt in dieser Situation ist das Landspital. Die Kompetenz und Motivation der Mitarbeitenden ist hoch, die Abläufe sind in Qualitätszirkeln diskutiert und geklärt, das Interesse gilt im entscheidenden Moment ausschliesslich dem Wohl des Patienten und seiner optimalen Behandlung. Die Existenz dieses Partners (Landspital, neben meiner berufstätigen Frau, die mich seit 30 Jahren unterstützt) und seiner Qualität, gibt den Ausschlag ob ich einsteige, oder aussteige (und in welchem Alter).
LandärztInnen sind in den nächsten Jahren gesucht und gefragt (nebenbei auch umworben von Notfallpforten in Grossstädten zu sehr guten Arbeitsbedingungen). Die Landbevölkerung stellt eine grosse Gruppe potentieller Patientinnen dar (mit überproportional vielen älteren Menschen). Dieser Gruppe entzieht man – ohne es bemerken zu wollen – zunehmend die Hausärztinnen mit den für diese Menschen optimalen Kompetenzen (sozial und fachlich).
Optimale Fähigkeiten für HausärztInnen auf dem Land sind in den Zentrumsspitälern nur lückenhaft zu erwerben (der Kanton hat das erkannt und unterstützt Praxisassistenzmodelle). Es fehlt am Zentrumsspital am notwendigen spezifischen Wissen, der Wertschätzung und entsprechenden Vorbildern für angehende LandärztInnen. «Wer schwer klettern will, muss bereit sein schwer zu klettern, wer Landärztin werden will, muss bereit sein auf dem Land zu arbeiten». Das Anforderungsprofil an eine Landärztin ist hoch. Soziale Kompetenz, selbständiges Denken in und ausserhalb der in internationalen Checklisten geregelten Standardsituationen (also gesunder Menschenverstand), Übernahme von Verantwortung in hohem Mass, handlungsfähig bleiben mit beschränkten (aber modernen) Mitteln unter hohem Druck, Teamgeist, kleinem Ego, über sich hinauswachsen, wenn die Situation es erfordert und dem Ertragen geringer Wertschätzung und nicht erfüllbaren Forderungen von den «Partnern im Gesundheitswesen».
Ohne Landspitäler keine Landärzte
Ohne Landspitäler gäbe es mich als Landarzt heute nicht. Aus meiner Überzeugung, Landarzt sei die anspruchsvollste Disziplin der Medizin, habe ich meine Ausbildung zum Allgemeinpraktiker in Landspitälern geplant und absolviert (Wattenwil zwei Jahre, Münsingen ein Jahr). Ich genoss dort, wie erwartet, eine sehr gute, praxisorientierte und effiziente Ausbildung in Medizin, Chirurgie und Gynäkologie wie man diese auf dem Land noch heute braucht. Ich lernte jeweils direkt und täglich von den Chefärzten, übernahm gut betreut hohe Verantwortung mit kurzen Wegen bei Fragen, lernte die lokalen Gegebenheiten und Menschen kennen und gewöhnte mir an, so zu arbeiten, dass ich den mir anvertrauten Patienten auch beim Einkauf im Dorfladen jahrelang noch in die Augen schauen kann. Meine Ausbildung machte mich auch in Zentrumsspitälern innert kurzer Zeit zum wertvollen, selbständigen Kollegen (mein damaliger Anästhesiechef im Zentrumsspital hatte auch eine Praxi-sassitenz auf dem Land gemacht und stellte mich bewusst ein, wie ich später erfuhr. Für ihn war es eine Hilfe im Zentrum zu bleiben, da es mehr seinen Fähigkeiten entsprach). Meine Ausbildung befähigte mich in der Folge zur Praxisassistenz in Tourismus- und Randregionen, zur Gebirgsmedizin-Tätigkeit und nun, die letzten 20 Jahren zum Landarzt und Ausbildner auf verschiedensten Ebenen.
Mein Wissen durfte ich an mittlerweile sechs Ärztinnen in Ausbildung weitergeben, in enger Zusammenarbeit und Vernetzung mit dem Landspital. Diese jungen Ärztinnen arbeiten heute in ländlichen Regionen, weil es ihnen gefiel und sie befähigt waren. Es ist sicherlich auch entscheidend, dass sie an den Weiterbestand der Spitäler in jenen Regionen glauben, in denen sie tätig sind. Unseren Qualitätszirkel führen wir gemeinsam mit dem Landspital durch.
Mit dieser Initiative haben wir es in der Hand, ob es in Zukunft im Kanton Bern Landärzte gibt, oder ob Ärzte mit meinen Fähigkeiten eine neue Herausforderung auf der Notfallpforte des Zentrumsspitals oder als «Spezialistin oder Spezialist» suchen und finden.
Das Schönreden der aktuellen und mittelfristigen Situation der Landärzte und die mangelnde Dossier-Kenntnis der Entscheidungsträger in den Verwaltungsräten und in der Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre beim Verlassen des Wertschöpfungsbodens ist für mich erschreckend. Ebenso wie die Ignoranz gewisser städtischer und universitärer Kollegen. Erträgliche und gute Lösungen haben wir aus unsrer Not heraus nur immer wieder unter uns selber gefunden. Es verlassen in den nächsten Jahren weitere Kollegen die Region aus Altersgründen. Es wird schwer, sehr schwer für die Verbleibenden.
Dr. med. Thomas Locher, Riggisberg, Facharzt FMH Allgemein- und allg. Innere Medizin, Gebirgsmedizin