Zum Ärztemangel in den Berggebieten

Zum Beitrag von Hans-Jörg Pfister und der IG Spitalversorgung in der Ausgabe vom 20. Mai 2021:

Die Ursachen

Vor vielen Jahren bereits wurde von Statistikern ein drohender Ärztemangel prognostiziert, welcher sich jetzt leider eingestellt hat. Suchen wir nach den Ursachen für diesen Zustand, müssen wir einen Blick auf die grosse Politik in Bern zurückwerfen. Über Jahre beschwerte man sich dort über die sogenannte Ärzteschwemme und traf Massnahmen, um diese einzudämmen. So wurde an den Universitäten der Numerus clausus eingeführt, welcher die Zahl der Medizinstudenten einschränkte. Dies vereinfachte es den Universitätskliniken mit dem zuvor grossen Andrang an Studenten zurechtzukommen und es konnten natürlich erhebliche Ausbildungskosten eingespart werden.

Bald trat jedoch an den Spitälern ein Mangel an Assistenzärzten bzw. Ärztinnen auf, welcher vor allem mit Kollegen aus Deutschland aufgefüllt worden ist, Kollegen, die dort auf Kosten ihres Landes ausgebildet worden sind und uns hier stets eine grosse Hilfe sind. So blieb in den Köpfen unserer Politiker das Bild der Ärzteschwemme erhalten, der drohende Ärztemangel wurde zu spät erkannt und es wurde zu spät mit einer Anhebung der Studentenzahlen reagiert.

Randregionen als Leidtragende

Leidtragende für diesen Zustand sind vor allem die Randregionen, unter anderem unsere Region, die für diese Politik nun grad zu stehen hat. Das Hauptproblem stellt sich uns in der reduzierten Anzahl zur Verfügung stehender Ärzte dar. Das Problem liegt nicht an einem Mangel an Praxisräumen, wie oft fälschlicherweise vermutet wird. Verschiedene Gemeinden bauten Praxen, um Ärzte anzulocken, wobei diese Räumlichkeiten dann über Jahre leer oder unterbesetzt geblieben sind.

Ein weiterer Punkt sind die Vorstellungen oder Ansprüche vieler junger Ärzte über ihre Berufsgestaltung. Heute wird grosses Gewicht auf die «Work-Life-Balance», gelegt. Diese beinhaltet möglichst geregelte Arbeitsbedingungen mit guter Freizeitgestaltung und angemessener Freizeit und lässt sich schlecht mit der Verpflichtung zu zahlreichen Notfalldiensten, wie sie in unseren Tälern gefordert wird, vereinbaren. Viele der jungen Ärzte wünschen sich eine Anstellung in einer Gemeinschaftspraxis und viele wünschen sich eine Teilzeitstelle im Sinne einer modernen Familiengestaltung. Dies alles sind Schwierigkeiten, mit welchen wir im Tal zu kämpfen haben und Hans-Jörg Pfister und die IG müssen sich wohl von der Vorstellung lösen, es werde jedermann in diesen Zentren, in welchen Ärzte in der Regel häufig wechseln, noch «seinen Hausarzt» finden.

Schwierigste Nachfolger-Suche

Von Seiten der Ärzte wurde vieles unternommen, um die Nachfolge zu regeln, dies mit zahllosen Anfragen bei Kollegen, mit Inseraten usw. Thomas Zimmerli bemühte sich über Jahre mit dem Spital zusammen eine Lösung zu finden. Dies betraf unter anderem seine Suche nach Praxisräumen im Spital und vor allem die Planung für eine Gemeinschaftspraxis im geplanten neuen Spital. Nichts konnte realisiert werden. Es bot sich schliesslich in Zweisimmen die sehr gute Lösung mit der Medbase als solide und verlässliche Basis in den Gebäulichkeiten des Migros Neubaus an. Dort steht heute eine sehr schöne Praxis bereits in Betrieb, wobei auch diese nach dem Ausscheiden zweier langjähriger Dorfpraktiker, die ihrerseits keine Nachfolger zu finden vermochten, mit der Tatsache des Ärztemangels konfrontiert ist. Hans-Jörg Pfister und die IG Spitalversorgung sind nun verwundert, dass da nicht gleich von Anfang an alles reibungslos über die Bühne geht.

In der Medbase bemüht sich ein ganzes Team, eine gute Sache aufzubauen, unter anderem mit MPAs, die aus Praxen der Region übernommen werden konnten; mit einer hoch qualifizierten Kinderärztin; mit einem aus den politischen Gründen leider noch reduzierten Ärzteteam und mit einer besten Grundausstattung in der Praxis. Es ergab sich hier bereits auch eine gute Zusammenarbeit mit dem Spital. Noch ist es nicht möglich, Unmögliches möglich zu machen. Aber das wird kommen! Bereits erhielten um die 200 Patienten ihre erste Covid-Impfung, mit Extraeinsatz des Teams. Vieles ist noch begrenzt, wovon man sich nicht entmutigen lässt.

Motivation und Zusammenarbeit

Hans-Jörg Pfister regt nun einen Hilferuf an die «Medaxo» an, die ihrerseits ebenfalls mit dem Ärztemangel kämpft. Dieser Vorschlag ist wenig hilfreich, zielt er doch darauf ab, verschiedene Institutionen gegeneinander auszuspielen; sehr demotivierend.

Wie soll vorgegangen werden? Sämtliche Bemühungen sollen darauf abzielen, Ärztinnen und Ärzte zu finden. Die IG soll uns Ärztinnen bringen. Die Angebote, die allfälligen Interessenten gewährt werden, müssen überdacht werden. So wurde bereits einmal von einer Gemeinde einem Kollegen ein vergünstigtes Darlehen gewährt usw.

Es müsste ein tragfähiges System für die Ärztlichen Notfalldienste gefunden werden. Ein grosses Problem für jeden Nachfolger ist die Rückendeckung durch das Spital. Gibt es da noch Garantien? Ist die Spitalplanung etwas sicherer geworden? Ich erinnere mich an manche bange Autofahrt, um mit Patienten noch rechtzeitig in unser glücklicherweise nahes Spital zu gelangen! Könnte allenfalls das Spital Thun der Medbase mit Ärzten aushelfen? Es sollte auch die Gemeinde Zweisimmen in die Suche nach geeigneten Ärztinnen und Ärzten einbezogen werden.

Verantwortlich für die Gewährleistung der ärztlichen Grundversorgung der Region sind nicht die Arztpraxen, sondern der Kanton, die Gemeinden und das Spital. Zahlreiche junge Ärztinnen und Ärzte lieben die Berge und man sollte sie auf dieser Ebene ansprechen und ihnen entsprechende Angebote unterbreiten. Einzig mit einem gemeinsamen Vorgehen und schliesslich auch mit der Unterstützung der gewonnen Ärzteschaft wird es gelingen, diese Probleme zu lösen. Zusammenarbeit und Motivation werden den Erfolg bringen.