Zur Konzernverantwortungsinitiative

Eigentlich könnte ich es mir als Theologe ganz einfach machen. Ich könnte ein paar Verse aus dem Buch des Propheten Amos im Ersten Testament, der Bibel der Juden und der ersten Christinnen und Christen, auswählen und dann hier zitieren. Denn gar so weit weg wie die etwa 2750 Jahre, die zwischen dem Mann aus Tekoa in der Nachbarschaft Jerusalems und uns liegen, erscheinen lassen, so weit weg von uns ist der Amos gar nicht.

Der schaut hinter die Kulissen seiner Zeit und sieht, dass der Wohlstand der Reichen und Glücklichen gebaut ist auf Leid und Elend der Armen: «Hört dies Wort, ihr fetten Kühe, die ihr auf dem Berge Samarias seid und den Geringen Gewalt antut und schindet die Armen und sprecht zu euren Herren: Bringt her, lasst uns saufen!» (Amos 4,1). Das klingt wie eine Beschreibung der Schattenseiten der Globalisierung, von der wir alle in der wohlhabenden Schweiz profitieren.

Dies zu benennen, auf die sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme in den entwickelnden Ländern hinzuweisen, die die Globalisierung mit sich bringt, das haben wir wenigstens in den letzten Jahren gelernt. Nur, die Konsequenzen daraus wollen wir nicht ziehen – und wenn ich hier «wir» schreibe, dann beziehe ich das sehr bewusst auch auf mich.

Die Konzernverantwortungsinitiative ist immerhin schon einmal ein erster, wichtiger Schritt hin zu einer Gesellschaft, die anerkennt, dass sie weltweit vernetzt ist. Regeln, Richtlinien, Gesetze und Ordnungen müssen weltweit auf gleichem Standard gelten, sonst taugen sie nichts. Dass und in welchem Masse die Menschenrechte der Vereinten Nationen gelten, kann und darf nicht eine Frage des Wohnortes auf diesem Planeten sein.

Also ist es nur logisch, wenn die, die an der Globalisierung verdienen, auch verpflichtet werden, dafür zu sorgen, dass überall die gleichen Regeln, Richtlinien, Gesetze und Ordnungen gelten und eingehalten werden. Und wenn durch ein unterschiedliches Niveau dieser sozialen und juristischen Standards Gewinne gemacht werden, dann sind diese Gewinne unmoralisch und verwerflich – als Christ sage ich, es sind sündhafte Gewinne. Darum müssen letztendlich Gerichte die Möglichkeit haben, diese unrechtmässig erzielten Gewinne abzuschöpfen und die Unternehmen dafür zur Verantwortung zu ziehen. Und welche Gerichte könnten das besser als unsere schweizerischen Gerichte mit einer langen Tradition auf diesem Gebiet?!

«Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach» (Amos 5,24), ist nicht nur ein schöner Vers für den sonntäglichen Gottesdienst in der Dorfkirche, sondern eine unmissverständliche Aufforderung, alles daran zu setzen, dass die elementarsten Menschenrechte nicht teilbar sind und erst recht nicht geopfert werden dürfen auf dem Altar der Gewinnmaximierung und Sicherung des Wohlstandes.

Es führt darum für mich als Christenmensch eine ziemlich gerade und direkte Linie von dem alten Amos zu uns in die Schweiz im Herbst 2020. Und darum will, nein, muss ich die Konzernverantwortungsinitiative unterstützen – als Mensch und als Christ, für dessen Leben die Bibel die Richtschnur ist.

Günter O. Fassbender, Zweisimmen