Ein Kreuz, viele Ursprünge: Die Geschichte der Schweizer Fahne

Wie kam das heutige «Schweizerkreuz» auf die Landesfahne der Schweiz? Und wie waren die Umstände?

Das Bundesgesetz über den Schutz des Schweizerwappens und anderer öffentlicher Zeichen schreibt Folgendes vor:Art 1 (Schweizerkreuz): Das Schweizerkreuz ist ein im roten Feld aufrechtes, frei stehendes weisses Kreuz, dessen unter sich gleiche Arme je einen Sechstel länger als breit sind.Art 3 (Schweizerfahne): Die Schweizerfahne zeigt ein Schweizerkreuz in einem quadratischen Feld.

Das Bundesgesetz über den Schutz des Schweizerwappens und anderer öffentlicher Zeichen schreibt Folgendes vor: Art 1 (Schweizerkreuz): Das Schweizerkreuz ist ein im roten Feld aufrechtes, frei stehendes weisses Kreuz, dessen unter sich gleiche Arme je einen Sechstel länger als breit sind. Art 3 (Schweizerfahne): Die Schweizerfahne zeigt ein Schweizerkreuz in einem quadratischen Feld.

Der Präsident des Nationalrates, Pierre-André Page, sagte das am Tage der offenen Tür für Kinder im Bundeshaus, am 2. Mai 2026. Die Frage eines der anwesenden Kinder im Nationalratssaal hätte ihn fast in Verlegenheit gebracht.

Und weil es tatsächlich nicht so einfach ist, hat das Bundesbriefmuseum in Schwyz der Frage eine ganz Abteilung gewidmet.

Die Schweizer Fahne
im Schwyzer Bundesbriefmuseum

Das Bundesbriefmuseum in Schwyz beherbergt seit seiner Einweihung 1936 den Bundesbrief von 1291, der vorher im Schwyzer Archivturm aufbewahrt wurde. Neben dem Hauptexponat sind weitere mittelalterliche Urkunden, darunter alle früheidgenössischen Bundesbriefe bis 1513, sowie Banner ausgestellt.

Es ist die einzige Fahnensammlung überhaupt, an der sich die unterschiedliche Entwicklung des Schweizer und des Schwyzer Kreuzes nachvollziehen lässt. Man kann dort eine Ausstellung zur Entwicklung der Schweizer Fahne sehen, geschmückt mit vielen Originalexponaten, darunter zum Teil sehr alte Textil-Stücke und Fahnenreste.

Dem Betrachter fällt dabei sofort auf, dass es viele Fahnen darunter gibt, die mehr oder weniger gleich aussehen oder sehr ähnlich aufgebaut sind. Am auffälligsten ist die oberflächliche Ähnlichkeit mit der frühen Fahne des Kantons Schwyz, die – wie man es heute ausdrücken würde – das typische «Schweizer Rot» als Hauptfarbe trägt.

Doch die Texte des Museums klären sehr schnell auf, dass die Schwyzer und die Schweizer Fahne sich vor allem im 14. und 15, Jahrhundert unabhängig voneinander entwickelt haben.

Und tatsächlich beginnt die Geschichte der Schweizer Fahne weit früher. Und sie nimmt im Laufe der Jahrhunderte ihren ganz eigenen Gang.

Altes Motiv – viele Deutungen

Zur Herkunft des Kreuzes auf der Schweizer Fahne muss man zuerst festhalten, dass es mehrere konkurrierende Deutungen über ihre Herkunft gibt.

Der ersten Deutung zufolge stammt das Schweizer Kreuz von der um die Wende zum 4. Jahrhundert im Wallis vermuteten thebäischen Legion, deren Kult namentlich im burgundischen Königreich spätestens seit der Gründung von St. Maurice im Jahr 515, aber auch seit Kaiser Otto I. (912 – 973) und seiner Frau, der aus Orbe stammenden Kaiserin Adelheid im gesamten Kaiserreich, stark verbreitet war. Demnach wäre das weisse Kreuz auf rotem Grund dort «irgendwie» weitergegeben worden. Das ist denkbar, aber vermutlich eine unpräzise Deutung.

Gemäss einer zweiten Deutung stammt das heutige Schweizer Kreuz von der ab dem 12. Jahrhundert nachgewiesenen sogenannten «Reichssturmfahne» des damaligen Kaiserreichs ab, die tatsächlich ein der heutigen Schweizer Fahne vergleichbares Kreuz in sich trug.

Das war nichts anderes als die Reichs-Standarte des damaligen Kaiserreichs, und es galt als ein uraltes Vorrecht, diese im Kampf vor dem Heer zu tragen. Ein riskantes Vorrecht, das der Tradition nach immer den deutschen Grafen von Württemberg zukam. Aus naheliegenden Gründen ist diese Deutung aber unwahrscheinlich: Es gibt schlicht keinen Schweizer Bezug in den vergangenen 500 Jahren.

Zwischenfazit: Präzisiert man die erste Deutung («Mauritiuskreuz») aber anhand historischer Quellen, dann ergibt sich das folgende Bild. Wahrscheinlich waren es noch vor den späteren Schweizern erstmals die Herrscher von Savoyen, die konsequent und über sehr lange Zeit ein weisses Kreuz auf rotem Grund verwendet haben.

Wer waren diese Leute? Nun, es waren und sind die südlichen Nachbarn der Westschweizer, die noch bis ins frühe 14. Jahrhundert sehr starken Einfluss auf die Westschweiz hatten.

Die Berner waren nicht die einzigen

Betrachtet man die Geschichte ein wenig genauer, dann ergibt sich: Das Haus Savoyen ist eine ursprünglich burgundische, später italienische Dynastie, die 1003 gegründet wurde, und die seit dem Hochmittelalter über die Territorien Savoyen und Piemont, später auch über die Grafschaft Nizza, Sardinien und Ligurien herrschte. Von 1861 bis 1946 stellten sie die Könige Italiens.

Zeitweise regierte das Herrschergeschlecht aber auch über angrenzende Teile Frankreichs (Bresse, Bugey, Gex) und der Schweiz (Waadtland, Genf, Teile des Unterwallis). Und im Berner Oberland hatten sie bis in das Obersimmental und im Kandertal bis nach Mülenen (dort bis an die heute noch sichtbare «Letzi») politischen und militärischen Einfluss. Lange waren die Herren von Kien nachweislich ihre Lehensnehmer.

Der klare Beweis: Bis nach 1890 war das weisse Kreuz auf rotem Grund als Emblem auch im Wappen des Hauses von Savoyen zu finden. In südlich von Genf liegenden, französischen Chambery kann man es noch heute an manchem offiziellen Gebäude sehen.

Sicher ist aber: Die Berner haben das «Schweizerkreuz» nicht ausschliesslich benutzt. Ein weisses Kreuz auf rotem Grund, das tauchte auch in anderen wichtigen europäischen Wappen auf. So bereits um 1240 im Wappen der Stadt Wien. Auch der Ritterorden der Malteser verwendete es, ebenso das Königreich Dänemark.

Die Schweizer Fahne hat sich erst langsam entwickelt

In der Schlacht bei Laupen aber (das war 1339) haben die Berner Truppen erstmals das durchgehende weisse Kreuz in Form von zwei übers Kreuz aufgenähten Bändern als Erkennungszeichen auf den Kleidern getragen. Nach und nach wurde das ursprüngliche, auf den Kleidern getragene Zeichen von immer mehr Eidgenossen – ab dem 14. Jahrhundert zuerst von den Bernern – auch als Feldzeichen verwendet.

Im 15. Jahrhundert findet man es dann auch auf den übrigen eidgenössischen Feldzeichen, den sogenannten Fähnlein. Die Fähnlein wurden jedoch nur für weniger bedeutende Kriegszüge verwendet. Offizielle Hoheitszeichen waren in der Alten Eidgenossenschaft immer noch die Wappen der Kantone. Darunter eben auch das verblüffend ähnliche Fähnlein des Kantons Schwyz mit seinem schweizer-roten Grundton.

Heute: weltweit anerkannt
und gesetzlich geregelt

In der Schweiz wird die Bezeichnung «Flagge» nicht benutzt. Die Bezeichnung ist stattdessen «Fahne» beziehungsweise Schweizerfahne. Im Gegensatz zu den meisten anderen Nationalflaggen ist die Schweizerfahne quadratisch.

Um in unserer heutigen Zeit die Schweizer Fahne eindeutig von allen anderen Hoheitszeichen der Welt abzugrenzen und ihr einen unverwechselbaren Status zu geben, gilt seit dem 1. Januar 2017 das neue Wappenschutzgesetz, das in Art. 3 die Quadratform zwingend vorschreibt: «Die Schweizerfahne zeigt ein Schweizerkreuz in einem quadratischen Feld.» Nur auf Hochsee- und Binnenschiffen schweizerischer Reedereien gelten ein wenig abweichende Regeln.

So ist sie also mittlerweile unbestritten, hoch-normiert und weltweit einmalig. Die Schweizer Fahne ist zum Markenzeichen unseres Landes geworden.

Eine Abbildung aus der «Berner Chronik», die ab dem Jahr 1474 geschrieben wurde. Das Bild zeigt die Schlacht bei Laupen. Einige der Eidgenossen (links) tragen ein rotes Wappen mit weissem Kreuz auf der Brust (das heisst auf ihren Kleidern, nicht als Fahne).

Eine Abbildung aus der «Berner Chronik», die ab dem Jahr 1474 geschrieben wurde. Das Bild zeigt die Schlacht bei Laupen. Einige der Eidgenossen (links) tragen ein rotes Wappen mit weissem Kreuz auf der Brust (das heisst auf ihren Kleidern, nicht als Fahne).