Offener Brief der Ärzte an den Verwaltungsrat der Spital STS AG

Bisher hat die Ärzteschaft den Verwaltungsrat der Spital STS AG loyal in seinen Bemühungen um die Versorgung im Saanenland-Simmental unterstützt und ihm den Rücken gegen viele Widerstände gestärkt. Durch sein Verlassen der gemeinsamen Plattform und die angekündigte Kehrtwende fühlen sich die Ärzte hintergangen und im Stich gelassen. Sie fordern den Verwaltungsrat deshalb auf, seine Verantwortung wahrzunehmen und umgehend mit den Ärzten und allen übrigen Verantwortungsträgern die schon gemeinsam erarbeiteten, tragbaren Lösungen weiterzuverfolgen.

Werter Herr Präsident,
werte Mitglieder des Verwaltungsrates

am 23.3.2012 haben Sie Ihre vorbehaltenen Beschlüsse zur Gesundheitsversorgung der Region Saanenland- Simmental kommuniziert.

Bis zum Ende des vergangenen Jahres haben Sie in Übereinstimmung mit uns immer die Haltung vertreten, dass Sie die abgelegene Region ohne stationäres Akutangebot nicht adaequat versorgen können. Konsens herrschte auch darin, dass dazu nur noch ein Standort sinnvoll ist, und dass das Führen von zwei sogenannten Gesundheitszentren die Aufgaben nicht erfüllen kann und sogar kostspieliger wäre als der Betrieb eines stationären Akutangebotes. Vor einem Jahr wurde unter Einbezug von Ihren Finanzverantwortlichen, von Vertretern der Hausärzte, der Spitalärzte sowie der Pflege aus dem Saanenland-Simmental ein taugliches Konzept zur Grundversorgung ausgearbeitet, das finanziell tragbar ist, das Sie genehmigt und dem Kanton vorgetragen haben.

Mit Ihren neuen Beschlüssen vollziehen Sie eine komplette Kehrtwende, die wir nicht mittragen werden

Ihre Lösung sieht vor, nicht nur einen Standort der stationären Akutversorgung in diesem Herbst zu schliessen, sondern 2014 auch den zweiten Standort aufzugeben. Grund: Der Kanton Bern beteiligt sich nicht, wie erhofft, am Kostenteiler (STS AG, Gemeinden und Kanton je ein Drittel) für voraussichtlich ungedeckte Kosten von 5,5 Millionen für eine stationäre Akutversorgung in Zweisimmen plus ein ambulantes Gesundheitszentrum in Saanen. Bis vor drei Monaten war die STS AG bereit und in der Lage, Ihren Anteil von 1,83 Millionen zu übernehmen.

Erklärungsbedarf

Nicht nachvollziehbar ist das von Ihnen berechnete Defizit über 2.3 Millionen beim Betrieb nur eines Akutspitals im Saanenland-Simmental. Geht man von pessimistischen 2000 Fällen pro Jahr aus (in den vergangenen Jahren 2400–2500) unter Beachtung der durchschnittlichen Fallschwere (DRG), so erwirtschaftet ein Betrieb zwischen 12 und 13 Millionen Franken. Die Personalkosten dürften sich bei ca. zehn Millionen bewegen. Es verbleiben ergo zwei bis drei Millionen für alle Nebenkosten. Bei einem Defizit von 2,3 Mio müssten sich die Nebenkosten aber auf vier bis fünf Millionen belaufen. Wofür wird ein so hoher Betrag benötigt? Hier besteht dringender Erklärungsbedarf!

Auch bei einem Defizit von 2,3 Millionen würde sich unter Beteiligung der Gemeinden der Fehlbetrag für die Spital STS AG erheblich reduzieren. Die Spital STS AG könne nun diesen, im letztjährigen Konzept noch als langfristig finanzierbar dargestellten Fehlbetrag nicht alleine tragen. Hand aufs Herz, werter Verwaltungsrat, haben Ihnen auch die Gemeinden die in Aussicht gestellte Unterstützung entzogen? Wird Ihr Gesamtunternehmen tatsächlich durch einen Betrag von unter 1 Prozent Ihres Gesamtbudgets in Frage gestellt, der zudem zusätzliche Investitionen in Thun überflüssig macht? Wo sind zudem die 2007 verkündeten Rückstellungen geblieben, die im Finanzplan für Investitionen in unserer Region vorgesehen waren? Investitionen, die wegen der ungewissen Lage verständlicherweise aufgeschoben wurden.

Es ist nicht neu, dass die bisher für Sie und uns untaugliche kantonale Versorgungsplanung (durch umstrittene Personen im Spitalamt) keine Akutversorgung in der Region vorsieht. Ist die Bereitschaft zur nochmaligen Evaluation der Notwendigkeit einer stationären Versorgung in den kommenden zwei Jahren mehr als eine Alibiübung zur Beruhigung der Gemüter? Wird dieses Projekt durch einen Gesundheitsoekonomen durchgeführt, der nur in der Lage ist, «ökonomistische» Kriterien zu würdigen, ist das zu erwartende Urteil jetzt schon klar. Durch Ihre Ankündigung, werter Verwaltungsrat, 2014 auch den zweiten Standort aufzugeben, gefährden Sie fahrlässig (oder absichtlich?) auch dessen Betrieb vorzeitig, weil bei diesen Aussichten viele der qualifizierten MitarbeiterInnen bei nächster Gelegenheit voraussichtlich abspringen werden. Damit wird nicht nur das Evaluationsprojekt geplant manipuliert, nein es erledigt sich von selbst.

Rettungswesen

Die Stärkung des Rettungswesens ist jetzt schon eine dringende Notwendigkeit und nicht nur ein Trostpflaster. Ist sich der Verwaltungsrat bewusst, wieviele Stunden die Ambulanzen bei fehlender stationärer Akutversorgung wegen Bagatellfällen im Saanenland und Simmental unterwegs sein werden, so dass im entscheidenden Notfall immer noch, wie heute schon, oft kein Fahrzeug in adaequater Zeit zur Verfügung steht? Die notwendige Aufstockung der bereitgestellten Ambulanzen wird die vermeintlichen Einsparungen mehr als auffressen. Gemäss Ihren Äusserungen betragen die Kosten für eine Ambulanz mit Besatzung 1,5 Millionen pro Jahr. Zugegeben, das betrifft eine andere Kasse. Zudem werden viele Patienten den langen Transport nach Thun, Bern, Frutigen oder Interlaken grösstenteils selbst tragen müssen, da die Krankenkassen davon maximal 500 Franken pro Jahr übernehmen . Das bedeutet nicht Einsparen, sondern Verlagerung und Abschieben von Kosten.

Pilotprojekt Gesundheitsnetz

Das Pilotprojekt Gesundheitsnetz (eine neue Worthülse für den ebenso unklaren vormaligen Begriff Gesundheitszentrum?) mit privater Trägerschaft soll die ambulante Versorgung sicherstellen. Die Spital STS AG will sich immerhin an der Trägerschaft beteiligen, obschon sie sich im übrigen von der Versorgung abmeldet. Dient dieses Netz vor allem dazu, die Patienten zu «fischen» und nach Thun zu leiten? Wenn das alles ist, was die Spital STS AG noch zu bieten hat, werden wir unsere Partner auch unter anderen medizinischen Anbietern auszuwählen wissen und die Netze gemeinsam mit den lokalen Behörden selber spannen. Das letzte derart verheissungsvoll angekündigte Pilotprojekt, die Klinik Erlenbach, wird gerade zu Grabe getragen!

Volkswirtschaftliche Gesamtverantwortung

Wo bleibt in den Vorschlägen der Gesundheitsdirektion und des VR die vormals stets beteuerte volkswirtschaftliche Gesamtverantwortung? 50 Stellen sollen verloren gehen, was wohl gegen 60–70 Personen treffen wird. Die Verlagerung der übrigen rund 100 Arbeitsstellen nach Thun oder anderswohin führt zwingend zu Abwanderung. Wir verstehen, dass diese Konsequenzen in Thun und Bern wenig interressieren.

Die Vorstellung, dass die «Bergregion» nun in wenigen Wochen einen Konsens in der Standortfrage finden könnte, ist entweder als naiv oder als berechnend zu taxieren. Sie kommt einem Abschieben der Verantwortung gleich, geeignet zum Anfachen von alter Zwietracht.

Aus dem angekündigten Szenario müssen wir folgern, dass der Verwaltungsrat der Spital STS AG nicht mehr willens ist, die notwendige Versorgung in unserer Region zu gewährleisten. Wenn das zutrifft, wäre es nicht aufrichtig, sich das selbst einzugestehen und den Auftrag dem Kanton unerledigt zurückzugeben, anstatt sich zu Ausführungsgehilfen der untauglichen Versorgungsplanung der Gesundheitsdirektion degradieren zu lassen?

Bisher hat die Ärzteschaft den Verwaltungsrat der Spital STS AG loyal in seinen Bemühungen um die Versorgung im Saanenland-Simmental unterstützt und ihm den Rücken gegen viele Widerstände gestärkt. Durch sein Verlassen der gemeinsamen Plattform, die angekündigte Kehrtwende und den verantwortungslosen Kahlschlag fühlen wir uns mit der ganzen Region hintergangen und im Stich gelassen und der Verwaltungsrat setzt damit die bisherige Solidarität der Ärzteschaft aufs Spiel.

Wir fordern den Verwaltungsrat deshalb auf, seine Verantwortung wahrzunehmen und umgehend mit den Ärzten und allen übrigen Verantwortungsträgern die schon gemeinsam erarbeiteten, tragbaren Lösungen weiterzuverfolgen.

Mit freundlichen Grüssen
Dres. med. R. Minnig und U. Stucki, Zweisimmen
Dres. med. C. Reuteler und M. Schmid, Saanen