Erste grosse Notfallübung auf dem Flugplatz St. Stephan seit seiner zivilen Nutzung
50 Einsatzkräfte übten den Ernstfall in St. Stephan
Bei der ersten grossen Übung seit der zivilen Nutzung des Flugplatzes St. Stephan arbeiteten am 15. Oktober zahlreiche Rettungskräfte zusammen. Nach der Alarmierung durch die Flugplatzleitung fuhr zuerst die Flugplatzfeuerwehr auf den Platz, dann folgte die Ortsfeuerwehr St. Stephan, die Stützpunktfeuerwehr aus Zweisimmen, die Polizei, der Rettungsdienst Berner Oberland West und Verantwortliche der SUST.
Bereits bei der Anfahrt kann das Löschfahrzeug mit dem Löschen des Flächenbrandes beginnen. Bei der Flugplatzfeuerwehr zählt die Schnelligkeit!
Nach der Umnutzung des ehemaligen Militärflugplatzes St. Stephan für den zivilen Betrieb verlangt das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) gemäss den Richtlinien alle drei Jahre eine Notfallübung. Am vergangenen Donnerstagabend war es so weit: Die erste Übung nach dem Systemwechsel wurde erfolgreich durchgeführt.
Um die zivile Zulassung zu erhalten, mussten im Vorfeld zahlreiche Auflagen erfüllt werden. Neben der Erstellung eines neuen Notfallplans und der Definition des Feuerwehrkonzepts wurden ein modernes Alarmierungssystem eingeführt sowie die Pistenmarkierungen erneuert, um die Sicherheit jederzeit zu gewährleisten.
Bei der Premieren-Übung standen die Alarmierungsketten und die Interaktion der Beteiligten im Fokus: Wie schnell sind die Retter vor Ort, wie funktioniert die Führung der Rapporte und klappt das Zusammenspiel der verschiedenen Organisationen?
Feuerwehrinspektor Christian Bieri zog ein positives Fazit und lobte die Einsatzkräfte: Sämtliche Vorgaben wurden erfüllt.
50 Personen übten den Ernstfall
Die Alarmierung der verschiedenen Einsatzkräfte funktionierte. Neben der Flugplatz- und der Ortsfeuerwehr St. Stephan wurden der Sonderstützpunkt für Personenrettung Zweisimmen, der Rettungsdienst, die Polizei sowie die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) und weitere zivile Kräfte aufgeboten.
Besonders gefordert war Jérôme Speiser, Deputy Head of Airport und Flight Instructor auf dem Flugplatz St. Stephan. Er ist derjenige, der im Ernstfall die Rettungskette in Gang setzt. Während der Übung musste er jedoch gleichzeitig seine Rolle als Flugplatzleiter wahrnehmen: Denn trotz einer offiziellen Sperrung (NOTAM) wollte ein Pilot in St. Stephan landen. Erst als Speiser ihm mit einem Rapport drohte, drehte der Pilot ab. Dadurch konnte er die Übung nicht lückenlos mitverfolgen, was jedoch zeigt, dass jederzeit Unvorhergesehenes passieren kann. Auch dieses Problem wurde von Jérôme perfekt gelöst. Pascal Schenk, Chef der stationierten Polizei im Berner Oberland, zeigte sich mit seinen Leuten ebenfalls sehr zufrieden und lobte – wie seine Vorredner – die hervorragende Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Einsatzkräften.
Flugunfall
mit zahlreichen Verletzten
Was ist laut Szenario eigentlich passiert? Beim Landeanflug eines grösseren Jets mit einer Sitzkapazität von ca. zehn Personen kollidiert dieser mit einem dreirädrigen Motorfahrzeug, das unerlaubterweise die Piste kreuzt. Beim Zusammenstoss wird das Motorfahrzeug umgeworfen und die Person eingeklemmt. Beim Flugzeug bricht das vordere Fahrwerk ab und dadurch kommt es von der Piste ab. Die beiden Piloten wurden verletzt und die unverletzten Passagiere sind im Flugzeug eingeschlossen und können sich nicht selber befreien. Ein Triebwerk brennt und das Gras unter dem Flugzeug fängt Feuer.
Die Schwierigkeit für die Einsatzkräfte der Feuerwehr war es nun, das Szenario so zu erkennen. Denn das Flugzeug fehlte.
Jeder hat etwas anderes gesehen
Andreas Lochmeier ist Abteilungsleiter der Berufsfeuerwehr Schutz & Rettung Zürich und Aircraft Rescue and Fire Fighting Chief des Zurich Airports. Er war als Beobachter in St. Stephan engagiert und hatte vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) die Aufgabe, die feuertechnische Ereignisbewältigung auf dem Flugplatz St. Stephan zu beurteilen. Er fragte in die Runde, was die Probleme der Feuerwehrmänner bei dieser Übung waren. Schnell stellte sich heraus, dass bei dieser Übung jeder etwas anderes gesehen hatte, denn auf dem Flugfeld war kein echtes Flugzeug, sondern das Triebwerk war nur eine Attrappe und die Passagiere sassen in einem Auto, das auf einem Anhänger stand. Die anrückende Feuerwehr konnte also bei der Anfahrt nicht auf den ersten Blick erkennen, wie das Flugzeug zum Stehen gekommen ist und was genau brannte. Einige sahen ein brennendes Triebwerk, ein anderer sah ein Flächenfeuer und ein dritter, dass das Fahrwerk brannte. Darum ist es bei so einer Übung wichtig, dass am Ende alle das gleiche Bild im Kopf haben und wissen, wie sie bei diesem Szenario zu reagieren haben.
Alle müssen nach der Übung
das gleiche Bild im Kopf haben
Um die verschiedenen Bilder einordnen zu können, skizzierte Andreas Lochmeier folgendes Szenario: Es gab ein Flugzeug mit brennendem Triebwerk, eingeschlossenen Passagieren und einem Flächenbrand unter dem Flugzeug.
Nachdem er das Szenario geschärft und jeder dieses Bild vor Augen hatte, fielen auch die Antworten der Feuerwehrmänner anders aus. Als Tipp gab er den St. Stäffern mit, dass sie bereits bei der Anfahrt des grossen Löschfahrzeugs mit dem Bekämpfen des Flächenbrandes beginnen sollen. «Das Löschfahrzeug von St. Stephan ist so gross, dass es einen Flächenbrand in unter einer halben Minute löschen kann», erklärte er. So ist die grösste Gefahr gebannt und die Kabine wieder sicher. Das, was bei der Übung immer wieder brannte, war nicht das Flächenfeuer, sondern das Triebwerk. Und dieses wird nicht mit dem Löschfahrzeug, sondern mit dem Strahlrohr gelöscht.
Dann stellte der Fachmann die Frage, warum die Passagiere nicht befreit wurden. Das sei der zweite Punkt, der gelöst werden müsse: Wie können die Passagiere am schnellsten gerettet werden? Am einfachsten ist es, wenn die Insassen das Flugzeug selbst von innen öffnen können. «Wenn sie das Flugzeug nicht mehr von innen öffnen können, ist es nicht gut», gab er den Männern auf den Weg. Die Flugzeugtür ist das Letzte, was nicht mehr aufgeht, denn sie ist das stabilste Teil im Flugzeugrumpf und lässt sich in der Regel noch sehr lange öffnen. Ist die Tür wirklich verklemmt oder niemand in der Lage, diese zu öffnen, wird es sehr kompliziert. Denn es ist nicht möglich, eine Flugzeugtür mit Schere und Spreizer zu öffnen. Eine Flugzeugscheibe kann auch nicht, wie beim Auto, einfach mit dem Körner aufgeschlagen werden. Ein Flugzeug muss mit einer Trennscheibe durch einen tiefen Schnitt aufgeschnitten werden. Das ist gar nicht so einfach. Darum ist es wichtig, dass der Flieger nicht mehr brennt, so ist der Zeitdruck nicht mehr so gross.
Den Einsatzleiter lobte er für das Führen des Journals und dafür, dass er es auch direkt richtig ausgefüllt hatte. Oft habe er nämlich erlebt, dass das Dokument nur herumgetragen und erst im Nachhinein ausgefüllt wird. Dabei ist das Fachwissen bei einem Einsatz das Wichtigste: Was für einen Treibstoff hat das Flugzeug geladen – ist er benzin- oder kerosinartig?
Wer weiss was?
Dass es eben keine «normale» Übung war, wurde sicher auch den Feuerwehrmännern aus Zweisimmen bewusst. Denn auch für sie war es schwierig, auf die Situation zu reagieren. Sie sahen ein umgekipptes Fahrzeug und mehrere Personen in einem Auto, das eigentlich ein Flugzeug darstellen sollte. Die Männer arbeiteten so, wie sie es kannten: Sie sicherten das Fahrzeug und schnitten die Personen heraus. Dass das bei einem Flugzeug so überhaupt nicht funktionieren würde, wurde ihnen wohl erst nach der Übung bewusst. Auch hier gilt es nun, die Denkweise aller anzupassen, damit beim nächsten Mal wieder das Bild eines Flugzeugs im Kopf präsent ist.
Erste Grossübung
nicht nur für St. Stephan
Es war nicht nur für den Flugplatz St. Stephan die erste grosse Übung, sondern auch für den Übungsleiter Thomas Lehmann. Lehmann ist seit einem Jahr Fachbereichsleiter im Kantonalen Führungsorgans (KFO) und bei der Kantonspolizei für den Bereich Planung und Einsatz zuständig. Der Polizist kennt das Obersimmental bestens, denn er war Wachtchef auf dem Polizeiposten Zweisimmen. Seit einem Jahr ist er für die Planung und Durchführung von Einsatzübungen im Kanton Bern zuständig. Die Grossübung in St. Stephan war auch für ihn etwas Besonderes, denn es war «seine» erste grosse Übung im aktuellen Amt. Mit dem Ergebnis ist er sehr zufrieden. Die Alarmierung funktionierte zur Zufriedenheit des Übungsleiters, alle elektronischen Meldungen wurden korrekt übermittelt und die Einsatzkräfte gemäss Notfallplanung aufgeboten. Ebenso funktionierte die Zusammenarbeit. Die nötigen Informationen für die Rettungskräfte, welches Flugzeug haben wir, wie viele Personen sind im Flugzeug, was ist zu beachten… wurden den Helfern mitgeteilt.
Die Passagiere waren unverletzt, aber im Flugzeug eingeschlossen. Das Feuer bedrohte sie, darum musste es schnell gelöscht werden.