Öffentlicher Anlass zum Thema Energiezukunft

BDP-Energie-Debatte: Kompetente und engagierte Energiediskussion

Wie sieht die Energiezukunft im Kanton Bern aus? Zu dieser Frage diskutierten letzten Freitag auf Einladung der BDP in Zweisimmen zwei Politiker, die es wissen sollten: Urs Gasche, Alt-Regierungsrat des Kantons Bern und Verwaltungspräsident der BKW und Jürg Grossen, Co-Präsident der Grünliberalen Berner Oberland und Unternehmer aus Frutigen. Das interessierte Publikum im fast vollen Kirchgemeindhaussaal konnte während mehr als zwei Stunden eine spannende Diskussion auf hohem Niveau mitverfolgen und zum Schluss auch selber Fragen stellen.

Urs Gasche, Verwaltungsratspräsident BKW, Moderator Ernst Hodel und Jürg Grossen, Energieplaner.

Urs Gasche, Verwaltungsratspräsident BKW, Moderator Ernst Hodel und Jürg Grossen, Energieplaner.

Bevor die beiden Nationalratskandidaten sich und ihre Parteien vorstellten, begrüsste Ernst Hodel als Moderator des Abends die Anwesenden und einige Prominente: Unter anderen Regierungsstatthalter Michael Teuscher und Nationalrat Erich von Siebenthal. Bei der Vorstellungsrunde machte der Grünliberale Jürg Grossen den Anfang: Der Elektroplaner aus Frutigen ist verheiratet, hat drei Kinder, ist im Herzen Bergler und Sportler und hat mit Michael Teuscher zusammen in Saanen im Sandkasten gespielt (sein Vater war Lehrer an der Sekundarschule Gstaad). Als Unternehmer hat ihn gestört, dass er nachhaltige Lösungen nicht umsetzen konnte. Mit den Grünliberalen fand er eine Partei, die seine Anliegen vertritt und mit ihr fand er den Weg in die Politik. Er ist überzeugt, dass seine Partei auf dem richtigen Weg sei: «Der Beschluss des Bundesrats zum Atomausstieg entspricht genau dem Programm der Grünliberalen.»
Im Gegensatz zum Neuling Jürg Grossen ist Urs Gasche ein altbekannter Politiker im Kanton Bern: Der ehemalige Regierungsrat wohnt mit seiner Frau und vier Kindern in Fraubrunnen und er hat wegen Interessenkonflikten auf sein Amt als BDP-Präsident zu Gunsten des Verwaltungsratspräsidenten der BKW verzichtet. Urs Gasche bezieht gerne persönlich Position, was in seiner Partei, der BDP möglich ist, und er geht Probleme sehr pragmatisch an: «Mehrheitsentscheide müssen im Konsens umgesetzt werden. Ich versuche, das Mögliche zu tun und nicht dem Unmöglichen nach zu rennen.»

Fukushima: Aus Fehlern soll man lernen oder gewisse Fehler sind unverzeihlich?

In der Podiumsdiskussion lobte Urs Gasche zu Beginn den geringen Kohlendioxidausstoss der Kernenergietechnologie, die trotz ihrer Schattenseiten eine effiziente, umweltfreundliche, zukunftsträchtige und wirtschaftliche Energieproduktion erlaube. «Das Abfallproblem wird sich in Zukunft lösen lassen und aus dem Unglück von Fukushima sollten die richtigen Lehren gezogen werden dürfen. Ich bin gegen ein Technologieverbot.» Dem widersprach Jürg Grossen mit den Argumenten, der Uranabbau sei Kohlendioxid intensiv, die AKW seien ungenügend versichert und teilweise durch die Gesellschaft vorfinanziert. «Ich bin für eine nachhaltige Technologie, mit der auch unsere Enkel keine Probleme haben. Dazu fordere ich Kostenwahrheit, denn Strom aus AKW wäre richtig gerechnet viel teurer.» Urs Gasche relativierte das Restrisiko der Kernenergie mit der Tatsache, dass jede Technologie Gefahren berge. «Ins KKW Mühleberg wurden schon 350 Millionen Franken in Nachrüstungen investiert. Ich finde es unfair, wenn Katastrophenszenarien für politische Zwecke missbraucht werden.»

Atomausstieg 1: Gehen Arbeitsplätze verloren oder werden neue geschaffen?

«Sicherheit ist ein dehnbarer Begriff,» entgegnete Jürg Grossen, «Mühleberg produziert fünf Prozent des schweizerischen Energiebedarfs. Dieser Teil könnte mühelos durch Massnahmen in der Energieeffizienz eingespart werden.» Die Arbeitsplatzverluste in der Atomenergie könnten durch neue in den Alternativenergien wettgemacht werden, war der Frutiger überzeugt. «Gerade für den ländlichen Raum sehe ich hier ein grosses Potential. Landwirte können auch zu Stromwirten werden.» Urs Gasche stimmte zu, dass der Preis für Solarpanels kleiner werde, dass aber die Idee, 40 Prozent Atomstrom mit Strom aus Photovoltaik zu ersetzen, eine kostspielige Illusion sei. «Es ist erwiesen, dass eine dezentrale Produktion teurer als eine zentrale ist.»

Atomausstieg 2: Wie viel Zeit brauchen wir?

Jürg Grossen widersprach dem nicht, sondern sagte vielmehr, dass eine alternative Produktion nur mit Anlagen in der Schweiz unmöglich sei: «Hier müssen wir europaweit denken. Wir Schweizer können aber Energie speichern, indem wir bei Überschussproduktion Wasser in unsere Speicherseen pumpen.» Diesem Argument konnte auch Urs Gasche zustimmen, der aber auf die zeitlichen und finanziellen Investitionen in die Alternativenergien hinwies. «Wir brauchen viel Zeit, wenn wir nicht auf die Kohlendioxid intensiven Gaskraftwerke umstellen wollen.» «Auch für mich sind die Gaskraftwerke die letzte Option in einem Ausstieg,» stimmte Jürg Grossen zu, «ich wünsche mir aber, dass die BKW den Grimselausbau, das KWO-Projekt besser unterstützt.»

Stromverbrauch: Wird er zu- oder abnehmen?

«Gebt uns Zeit,» bat Urs Gasche die Anwesenden, «die BKW muss die Versorgung garantieren. Uns fehlen Speicher- und Netzkapazitäten. Bei zu wenig Zeit müssen wir auf fossile Energie und solche aus dem Ausland ausweichen.» Dem wollte wiederum Jürg Grossen nichts entgegen setzen. Er wies aber darauf hin, dass der Strompreis für den Kleinverbraucher im Gegensatz zu den Unternehmen kein grosser Budgetposten sei. In der Wirtschaft sei deshalb das grösste Sparpotential zu finden: «Durch intelligente Steuerung haben wir in einer Firma 80 Prozent der Stromkosten einsparen können. Ich wünsche mir bei der BKW und in der BDP ein Umdenken beim Thema Stromeffizienz.» Urs Gasche wies darauf hin, dass der Stromkonsum kontinuierlich zunehme: «Ich bezweifle, dass im Gesamtsystem Strom gespart werden kann. Die BKW ist ein Energieproduzent und wir können den Stromverbrauch nur über den Preis steuern. Ich bin für eine Anschubfinanzierung der Alternativenergien, eine Konsumentensubventionierung finde ich schlecht.»

Ernst Hodel: «Gehet hin und sparet Strom!»

Während der letzten halben Stunde des Abends konnten die Anwesenden den beiden Politiker noch Fragen stellen, bevor sie Ernst Hodel mit dem Spruch «Gehet hin und sparet Strom!» in die Frühlingsnacht entliess. Der BDP-Politiker und der Grünliberale waren sich in vielen Punkten einig. Das Publikum kam so in den Genuss einer Diskussion, die kaum ideologisch gefärbt war, sondern vom ehrlichen Bestreben, für den Kanton Bern eine Energiezukunft zu entwerfen, die der Bevölkerung und der Wirtschaft dient, die Versorgung garantiert und einen breiten Konsens aufweist. Man würde sich fast wünschen, dass nicht nur in Zweisimmen, sondern im ganzen Kanton und in der Schweiz solche fruchtbaren Diskussionen vermehrt geführt würden. Thomas Raaflaub

Die BDP lud zur Energiedebatte nach Zweisimmen ein. Zweisimmen