Menuhin-Konzert in der reformierten Kirche
Der Soundtrack einer Epoche
Der Bariton Thomas Hampson verzauberte am Mittwochabend, 19. August, ein anspruchsvolles Publikum mit amerikanischer Populärmusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Thomas Hampson, begleitet von Jacques Ammon, verzauberte das Publikum.
© Charlotte Engstad
Der amerikanische Bariton Thomas Hampson ist eine internationale Grösse mit über 170 CD-Aufnahmen, mehr als 80 Opernrollen im Repertoire, Auftritten auf allen namhaften Bühnen der Welt und unzähligen Auszeichnungen. Seit diesem Jahr ist er Leiter der Vocal Academy des Menuhin Festivals in Gstaad. Er begrüsste das Publikum charmant auf Schweizerdeutsch, bevor er in seiner Muttersprache fortfuhr: «Im Geschichtsunterricht wird Wert auf Daten, Schlachten und Wahlergebnisse gelegt. Aber die Lieder im American Songbook erzählen uns, wie es war, in den USA in der jeweiligen Zeit zu leben.»
Der amerikanische Liedkanon
Das grosse amerikanische Liederbuch (The Great American Songbook) ist ein lose definierter Liedkanon von Jazzstandards und populären Unterhaltungssongs, geschrieben zwischen 1920 und 1950 für die Theaterbühnen am Broadway, für Musicals und Filme. Begleitet von Jacques Ammon am Klavier interpretierte Thomas Hampson Lieder von Cole Porter, George Gershwin, Irving Berlin, Jerome Kern, Richard Rodgers, Oscar Hammerstein II und Lorenz Hart – ein Soundtrack, der Menschen in den USA und auf der ganzen Welt von 1900 bis hinein in unser Jahrhundert begleitet.
Das Leben ist wie Jazz
Der charismatische Erzähler Hampson gab pointierte Einblicke in die jeweiligen Zeitabschnitte und die Entstehung der Kompositionen. Das Konzert war in fünf Epochen eingeteilt und begann mit dem Zeitraum 1900 bis 1920: Die Entstehung der Moderne, Amerika findet seine Stimme. Danach folgte die Jazz-Ära von 1920 bis 1930. Die wilden Zwanziger waren geprägt von der Prohibition, neuen Tanzrhythmen, der amerikanischen Begeisterung für Paris und von Autoren wie F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway. «Alles ist möglich! Das Leben ist wie der Jazz, lasst uns improvisieren!», sagte Hampson verschmitzt lächelnd und sang «Let’s Do It (Let’s Fall in Love)» aus dem Musical «Paris» von Cole Porter. Auf dem Piano brillierte Jacques Ammon mit Jazzimprovisationen und mitreissenden Rhythmen.
Aufstieg zur kulturellen Weltmacht
Im Spätherbst 1929 platzte die Börsenblase an der Wall Street. Es folgten die dreissiger Jahre der Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und langen Schlangen vor den Suppenküchen. «Die Liedtexte zeigten, dass man mit Humor und Liebe auch die schwierigsten Zeiten durchstehen kann», erzählte Thomas Hampson. In den Kriegsjahren bedeuteten die Songs dann ein Stück Heimat für Millionen von amerikanischen Soldaten.
Der Zeitraum von 1945 bis 1955 war betitelt: Selbstvertrauen, das amerikanische Jahrhundert. Es war die goldene Zeit der Broadway-Theater, und Amerika stieg zur neuen kulturellen Weltmacht auf, die Generationen von Europäern mit Musik, Lifestyle und Konsumprodukten verzauberte.