Die Obersimmentaler Fahne weht auf Burg Mannenberg
Im 13. und 14. Jahrhundert hatten am Mannenberg nacheinander die Herren von Raron, die Freiherren von Strättligen, Graf Peter von Greyerz, die Herren von Düdingen, die Stadt Freiburg und die Herren von Bubenberg mit ihren Bannern den Besitz angezeigt. Jetzt hat die Bevölkerung von Zweisimmen den Mannenberg zurückerobert. Stolz und weithin sichtbar weht die gelbschwarze Obersimmentaler-Fahne über der wieder entdeckten, historischen Stätte.
Umsichtiger Stiftungsratspräsident und Burgherr zu Mannenberg: J.P. Beuret
Mit einem grossen und äusserst vielseitigen Mittelalterfest wurden am vergangenen Samstag die Restaurationsarbeiten an den Ruinen der 1349 von Berner Truppen vollständig zerstörten Burg Mannenberg abgeschlossen. Tags zuvor hatten die Schülerinnen und Schüler der Volksschule Zweisimmen zum Abschluss des Schuljahres 2010/11 den Mannenberg in Beschlag genommen.
Attraktives Festprogramm
Das farbenfrohe Treiben auf und um den Mannenberg war von den Heerhufen aus den Gauen, dem Roten Hufen, dem Zähringervolk, dem Archäologischen Dienst des Kantons Bern, dem Verein Mittelalter Thun, dem Schweizerischen Burgenverein, Marktfahrern, Handwerkern von nah und fern, Leuten von Zweisimmen und der Region, dem Stiftungsrat und einem OK und ihren Helferinnen und Helfern mustergültig organisiert und inszeniert worden. Der Attraktionen waren viele: Musiker und Minnesänger, Ritter, Edelleute, Bauern, Marktfahrer, Kanonenschützen, Handwerker, Medicus und Bader, Feuermagier und Falkner und viele andere boten einen vielschichtigen Einblick in die Zeit um 1300. Für ausgiebige Kost aus dem Mittelalter war ebenfalls gesorgt worden. Die Organisatoren wurden mit strahlenden Wetter und einem zahlreichen Aufmarsch belohnt. Regierungspräsident Bernhard Pulver, mit Zweisimmen aus seiner Jugendzeit verbunden, hielt die Festrede, die wir im Nachstehenden auszugsweise abdrucken:
Im Namen des Regierungsrates des Kantons Bern heisse ich Alt und Jung herzlich willkommen zum Mittelalter-Fest und zur Einweihung der sanierten Burgruine Mannenberg! Wer von uns hat als Kind nicht von Feuer speienden Drachen, Prinzessinnen und Prinzen, Schlössern und Burgen geträumt? Es gibt wohl kaum jemand in Zweisimmen, den nicht Jugenderinnerungen mit der Ruine Mannenberg verbinden: Auch ich hatte die Chance, mit meinen Eltern wiederholt hier zur Ruine Mannenberg zu kommen. A propos Eltern. Als ich in einem Gespräch mit meiner Mutter meinen Auftritt hier in Mannenberg erwähnte, rief sie sofort: «Als Kind habe ich oft mit den Gästen des Hotels Post hier in der Ruine Theater gespielt!» (Meine Grossmutter mütterlicherseits führte zusammen mit ihrer Schwester dieses Hotel in Zweisimmen).
Vielleicht ist es der Zauber der Jugenderinnerungen, der auch uns Erwachsene in den Bann zieht? Vielleicht sind daher Burgruinen so breit akzeptiert wie wenige andere Kulturdenkmäler? Die Burgen waren einst weithin sichtbare Zeichen der Herrschaft. Heute sind sie Zeichen kultureller Identität. Von den einst rund 500 Burgen im heutigen Gebiet des Kantons Bern stehen noch etwa 100 als Ruinen aufrecht. Ihre Erhaltung und ihre Pflege ist unsere gesetzliche Pflicht . Die dafür zuständige Archäologie hat drei Aufgaben zu erfüllen. Erstens hält sie das nötige Fachwissen für die Konservierung der Bauten bereit und berät die Eigentümer bei der Konservierung. Zweitens untersucht, analysiert und dokumentiert sie die Reste, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und weitergeben zu können und drittens gewährleistet sie den Geldgebern die fachgerechte Verwendung der finanziellen Mittel.
Die Sanierung einer Burgruine ist aufwändig und eine grosse Herausforderung. Sie ist daher nur im Verbund zu lösen. Mannenberg ist ein hervorragendes Beispiel dafür: In der «Stiftung Burg Mannenberg» wurden die nötigen Kräfte gebündelt: Private und Vereine aus Zweisimmen und der Region haben sich zusammengetan und gemeinsam mit dem Kanton Bern und dem Bundesamt für Kultur die Ruine aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt. Kulturgüter erhalten macht immer dann am meisten Sinn, wenn es gelingt, sie auch einer breiten Nutzung zuzuführen. Die Einbindung der Burg Mannenberg in den Zweisimmener Burgenweg, das Berner Wanderwegnetz oder in die Zweisimmner Schulen sind wunderbare Beispiele dafür. Neben der kulturellen Leistung, dürfen wir auch auf die wirtschaftliche Leistung stolz sein: Im Durchschnitt werden bei einer Burgsanierung mehrere Hunderttausend Schweizerfranken in der Region investiert. Die Arbeiten werden immer durch Baufirmen und Fachleute aus der Region umgesetzt. Das ist der direkt fliessende Teil – von Bern flussaufwärts und nicht Simme- und Aareabwärts!
Ein weiterer Geldfluss bildet der Tourismus: Jedes der Öffentlichkeit erschlossene Objekt steigert die Attraktivität der Region. Wussten Sie, dass bei einer Befragung, was sie denn an der Schweiz so interessiere, 85 Prozent der befragten Touristinnen und Touristen bei «Kulturgüter besuchen» ein Kreuz machten? Und auch die jüngst publizierte Erhebung des Bundesamtes für Statistik über die kulturellen Aktivitäten der Schweizer Bevölkerung bestätigt es: «Denkmäler, historische und archäologische Stätten besichtigen» kommt mit 66 Prozent direkt hinter den Konzerten, auf den zweiten Platz! Investitionen in Kulturgüter fliessen sehr direkt in die Förderung des Tourismus.
Für uns alle sind Kulturgüter ein wichtiger Teil des Bewusstseins unserer kulturellen Identität. In einer Zeit, wo Dinge «globalisiert» werden, wo nationale Firmen englische und nicht mehr deutsche Namen tragen, wo sich Laden- und Restaurantketten ausbreiten – da ist das kultur- und identitätsstiftende Element von Kulturdenkmälern immer wichtiger. Ich möchte in einer authentischen, echten Welt leben und nicht in einer standardisierten Einheitswelt. Das ist für mich auch ein wichtiger Aspekt der Arbeit von Archäologie und Denkmalpflege. Wenn es zudem wie gestern und heute auf Mannenberg gelingt, Kulturgeschichtliche Informationen seriös wie auch auf spielerische Art zu vermitteln, freut mich dies als Bildungs- und Kulturminister ganz besonders.
Ich möchte deshalb im Namen des Regierungsrates des Kantons Bern allen ganz herzlich danken, die sich für dieses gemeinsame Werk eingesetzt haben und weiter engagieren werden: Ich danke der Gemeinde Zweisimmen, der «Stiftung Burg Mannenberg» und ihrem Präsidenten Jean-Pierre Beuret – hier wurde aus Ideen Konkretes. Ich danke auch den Schulen Zweisimmen, die mit dem gestrigen Burgentag gezeigt haben, wie man den Bezug zu einem solchen Kulturgut in der Schule aufnehmen kann. Ein spezieller Dank geht an den Archäologischen Dienst unter Leitung von Daniel Gutscher. Der Dienst setzt nicht nur die fachliche Aufgabe engagiert um, sondern ist ebenso begeisterter Kulturvermittler. Das zeigt sich allein schon darin, dass er heute mit mehr als einem Viertel aller Mitarbeitenden aktiv ist – sei es an den Töpfen, Spinnwirbel, Blide, Hellebarde oder Armbrust – und dies erst noch freiwillig! Alle Bauleute, Helferinnen und Helfer, Spenderinnen und Spender, Lehrerinnen und Lehrer schliesse ich in meinen Dank ein.
B. Pulver, Regierungspräsident BE