Gstaad Menuhin Festival in Zweisimmen
Eine «Winterreise» in den Hitzetagen
Es mag paradox klingen von der Wortwahl her, doch der Titel von Franz Schuberts Liederzyklus, welcher im Rahmen des Menuhin-Festivals am Freitagabend, 14. August in der Kirche von Zweisimmen interpretiert wurde, bezog sich nicht nur auf äussere Kälte oder Schneelandschaften, sondern auf die Darstellung des existenziellen Schmerzes des Menschen. Man begleitete den Wanderer ohne Ziel und Hoffnung hinaus in die Winternacht – ein ergreifendes Erlebnis, vielleicht auch eine Parallele zu vielen menschlichen Schicksalen in unserer heutigen Zeit…
Eine begeisternde «Winterreise Reloaded» mit Andreas Janke, Oliver Schnyder, Daniel Behle und Benjamin Nyffenegger.
© Kerstin Kopp
Was der Tenor Daniel Behle der Zuhörerschaft bot, war in jeder Phase atemberaubend. Nach den (leider) englischen Einführungen von Daniel Hope und dem Solisten tauchte man sofort ein in die Klangwelt der Romantik mit dem ersten von 24 Liedern: «Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus». Behles Tenorstimme ertönte und zog jedermann sofort in ihren Bann.
In reichen Facetten wurden die Nuancen von Freuden, Hoffnungen, Trauer und Tiefschlägen zum Ausdruck gebracht. Das Spektrum der Stimme reichte vom feinsten Ton in den Höhen bis zum lautstarken Ausdruck von Entsetzen und Verzweiflung in tieferen Lagen. Die Lieder, welche Franz Schubert 1827 nach Gedichten von Wilhelm Müller vertont hatte, pendeln zwischen der Sehnsucht nach Erfüllung und bitterer Enttäuschung über unerwiderte Gefühle. Die Melodien sind geprägt von Wehmut, Schmerz, Einsamkeit und Visionen von Tod und Erlösung.
Behle verstand es, mit seiner aussergewöhnlich vielseitigen Stimme, aber auch mit Gestik und Mimik eine emotionale Wirkung auszuströmen. Mäuschenstill war es im Publikum, jedermann war gepackt von den stets wechselnden, reichhaltigen Ausdrucksformen des Sängers.
«Winterreise Reloaded»
Der Konzerttitel mit dieser Beifügung weist darauf hin, dass hier etwas Neues entstanden ist – man darf nach dem Erlebnis ruhig sagen: eine Bereicherung! «Reloaded» könnte man hier übersetzen mit «Erneuerung» oder mit «eine stärkere Version». Der ursprünglich mit einer Klavierbegleitung geschriebene Liederzyklus wurde von Daniel Behle – der selber auch Komponist ist – erweitert oder auch ausgeschmückt mit je einer Violine- und Violoncellostimme. Und damit verleiht er dem Klavier-Part eine beeindruckende Zugabe an zusätzlichen Klangdimensionen, die viele Stimmungen noch besser zur Geltung bringen.
Das Oliver Schnyder-Trio gehört zu den besten Kammermusikformationen der Schweiz. Der Pianist Oliver Schnyder, der Violinist Andreas Janke und der Cellist Benjamin Nyffenegger ergänzten sich gegenseitig hervorragend als eingespieltes Team: Sie unterstützten und bereicherten die Lieder gefühlvoll, brillant, hatten oft ihre eigenen Vor- oder Nachspiele, unterstrichen bestimmte Rhythmen und drückten auch witzige Einfälle aus, so zum Beispiel mit den Vogelstimmen im Lied «die Krähe». Ganz eindrücklich war auch die Begleitung des letzten Liedes, «der Leiermann», wo dieser mit dem einsamen Wanderer seine Leier endlos weiterdreht: Hier ertönten zu den Streichertönen nur gezupfte Klänge aus dem Flügel, bis zum mäuschenstillen Schluss…
Zusammen mit Daniel Behle ergab sich so eine begeisternde WinterreiseDarstellung voller Emotionen, welche auch in dieser besonderen Besetzung absolut faszinierte. Mit einer Standing Ovation bedankte sich das Publikum für dieses aussergewöhnlich eindrückliche Konzerterlebnis.