Heute vor 150 Jahren brannte Zweisimmen nieder

Am 6. Dezember 1862 hat in Zweisimmen ein Grossbrand fünfundzwanzig Häuser vernichtet und zahlreiche Familien zu Obdachlosen gemacht. Anhand des 2007 erschienenen Buches des ehemaligen Pfarrers Holger Finze «Als Zweisimmen brannte», zeichnen wir das Bild des Geschehens vor 150 Jahren und seine Folgen nach.

Mit den heute im Heimatmuseum von Zweisimmen aufbewahrten ledernen «Feuerkübeln», wurden per Menschenkette die Feuerwehrspritzen mit Wasser versorgt.

Mit den heute im Heimatmuseum von Zweisimmen aufbewahrten ledernen «Feuerkübeln», wurden per Menschenkette die Feuerwehrspritzen mit Wasser versorgt.

Der Brand brach um 1 Uhr morgen mitten im Dorf Zweisimmen aus. Zeitungsberichte vermeldeten als Brandherd das Warenlager im Haus des einstmaligen Schulmeisters, Negotianten (Krämers), Amtsrichters und Gemeinderats Bartlome Werren (am heutigen Standort des Mättelihauses). Da «die Häuser von Holz waren, teils nahe standen oder aneinander gebaut und in der landesüblichen Bauweise mit Schipfen und Schindeldächern gedeckt waren», hatten die Flammen ein leichtes Spiel. Um 2 Uhr standen bereits vier Häuser in Flammen. Am Morgen um fünf Uhr hatte der Brand seinen Höhepunkt erreicht und um etwa 7 Uhr konnte man das Feuer «bemeistern».

25 Häuser verbrannt; 153 Menschen wurden obdachlos

Als in den Vormittagsstunden der Postwagen durch Zweisimmen fuhr, lagen 21 Wohnhäuser und vier Scheunen in Schutt und Asche «und das Feuer wütete noch». Darunter befanden sich sieben Krämerläden mit grossen Warenvorräten, drei Bäckereien, die Wirtschaften «Krone» und «Leist», die Praxis und die Apotheke des Arztes, die Notfallstube des Amtsbezirks Obersimmental, zwei Schmitten und die Gemeindeschreiberei. In wenigen Stunden waren 153 Personen (darunter 36 Kinder) in 28 Haushaltungen obdachlos. Ihr Hab und Gut verloren auch Fortsetzung Seite 3

einige Dienstmägde, fliegendeHändler,Saisonarbeiter, Fuhrleute und Handwerker und eine Störenschneiderin, die inder Krone Unterkunft gefunden hatten oder die ihr Material und ihre Werkzeuge in Remisen deponiert hatten.

Gesamtschaden von 313 000 Franken

Der berechenbare Gesamtbrandschaden belief sich nach späteren Ermittlungen auf Fr. 313 117.– wovon rund 180 000 Franken durch die «Assekuranz» entschädigt wurden. Die betroffenen Familien standen vor dem Nichts. In einer Zusammenstellung ist zu lesen, dass alleine in den Häusern Hutzli, Schmid, Lempen, F. D. Imobersteg, B. Ubert, dem Kronenwirt Matti und B. Werren ein Gesamtschaden von 128 000 Franken entstanden war, welchen gerettetes Gut von 12 000 Franken gegenüber stand. Die Nahrungsmittelvorräte für Menschen und das Futter für das Vieh waren vernichtet. «Und die kalten Tage, des Winters Plage, sie treten heran nun ohn’ Erbarmen» dichtete Ortspfarrer Friedrich Merz.

Spontane Hilfsaktionen

Hilferufe in den Tageszeitungen spornten Personen und Institutionen aus nah und fern zu Spenden an: Ein Abgeordneter aus Thun überbrachte schon am Tag nach der Feuersbrunst die «schöne Gabe von Fr. 500.–, die der Gemeinderat in einem überschwänglichen öffentlichen Brief verdankte. In Saanen gingen am 8. Dezember die Lehrer (nicht die Schüler…) auf Sammeltour durch die Bäuerten. Die Gemeinde Boltigen organisierte vier Fuder Lebensmittel, Kleider und «Linge». Weitere Fuder gingen aus Lenk, Erlenbach, Diemtigen, Wimmis, Lauenen und Gsteig und einem weiteren Dutzend Gemeinden ein. Im Stadttheater Bern fand am 2. Januar 1863 ein Lustspiel «zum Vortheil der Abgebrannten in Zweisimmen» statt!

Geldspenden kamen u. a. von Boltigen (663.90), Därstetten (371.30), Erlenbach (763.90), Diemtigen 7.40), Gsteig (202.30), Lauenen (153.41), Lenk (391.30), St. Stephan (927.29) und Abländschen (Fr. 32.50!). Die lokalen Bäuerten spendeten Bargeld und Bauholz. Das Hülfskomitee konnte genau ein Jahr später, am 8. Dezember um 1 Uhr im Pfarrhaus Geldspenden von (hohen) Fr. 37 266.87 an die Geschädigten ausrichten. Im Schlussbericht des Komitees erging ein Dank an alle Seiten, die geholfen haben und eine Mahnung an die eigenen Leute: «Der allmächtige Gott Euer aller Vergelter sein. Zweisimmen kann’s nicht vergelten. Möge es die erfahrene Liebe nur nicht vergessen».

Die abgebildete Feuerwehrspritze aus Matten/St. Stephan (heute im Estrich des Schulhauses Moos) stand in der Brandnacht von 1862 in Zweisimmen im Einsatz.

Die abgebildete Feuerwehrspritze aus Matten/St. Stephan (heute im Estrich des Schulhauses Moos) stand in der Brandnacht von 1862 in Zweisimmen im Einsatz.