Konzert des Cantate Chors Zweisimmen vom 29. Dezember 2009 in der Kirche

Joseph Haydn – über 200 Jahre jung

Der Chor, das Orchester und die Solisten empfangen den wohlverdienten Applaus.

Der Chor, das Orchester und die Solisten empfangen den wohlverdienten Applaus.

Es war eine echte und schöne Würdigung des berühmten Komponisten und ein ebenso würdiger Abschluss des Haydn-Jahres. Der Cantate Chor unter der Leitung von Klaus Burkhalter und das Orchester der Zweisimmer Konzerte vollzogen ihn mit drei Werken: Te Deum in C-Dur für Soli, Chor und Orchester, Konzert für Violoncello und Orchester und der sogenannten Paukenmesse für Soli Chor und Orchester.

Es lohnt sich, einen Blick auf die Biographie von Joseph Haydn (1732– 1809) zu werfen. Anders als Komponisten wie z.B Mozart, erfuhr Haydn nicht eine gezielte Förderung durch einen Musiker-Vater, sondern er war zum grössten Teil Autodidakt. In der zweiten Hälfte der 1750-er Jahre entstehen die ersten Streichquartette. Ab 1761 ist er während fast dreissig Jahren Kapellmeister des Grafen Esterhazy (Ungarn), wo er ein kleines Orchester zur Verfügung hat. Er komponiert Sinfonien, Opern, Streichquartette, Sonaten und Messen. Die Tatsache, dass er keinen direkten Kontakt zum musikalischen Zentrum Wien hat, ermöglicht es ihm, kompositorische Experimente durchzuführen, ohne von einer musikalischen Strömung oder Richtung beeinflusst zu werden. Er wird später sagen, die Zeit auf Esterhaz habe es ihm ermöglicht, «ein originaler Musiker» zu werden. Seine grossen Jahre erlebte Haydn nach 1790 in London, wo er uneingeschränkte Bewunderung erfuhr und wo ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford verliehen wurde. Mitte der Neunziger Jahre, wieder in Wien, nachdem er über hundert Sinfonien geschaffen hatte, komponierte er die beiden grossen Oratorien «Die Schöpfung» und «Die Jahreszeiten», und auch die Paukenmesse.

Als seine Freunde vor seiner Reise nach London Bedenken äusserten und ihm sagten, er beherrsche ja die englische Sprache nicht, antwortete Haydn: «Meine Sprache versteht man durch die ganze Welt.»

Das hat absolut nichts mit Überheblichkeit zu tun. Haydns Musik überzeugt auch heute, nach über 200 Jahren, mit ihrer Frische, Originalität und Schönheit.

Wir können Klaus Burkhalter dankbar sein, dass er sich diesem grossartigen Komponisten gewidmet hat und uns mit seinem Cantate Chor und «seinem» Orchester diesen schönen Abschluss nicht nur des Haydn-Jahres, sondern auch des ausgehenden Jahres 2009 geschenkt hat.

Das Konzert begann mit dem Te Deum, einem Werk, das anfangs der 1760-er Jahre entstand. Es ist ein relativ kurzes, strahlendes Stück Kirchenmusik. Klaus Burkhalter dirigierte locker, mit klaren und präzisen Gesten. Beim Chor hatte man den Eindruck eines «Steigerungslaufes». Es mag aber auch an der Komposition selbst liegen, dass die stärksten Eindrücke im Finale «In te domine speravi» (Auf dich Gott setze ich meine Hoffnung) vermittelt wurden.

Hier sang der Chor besonders engagiert, textdeutlich und lebendig.

Wenn in einem Solo-Quartett die Stimmen gut zueinander passen, ist das nicht selbstverständlich. Jeder Gesangssolist arbeitet daran, seine eigenen Stärken und Eigenheiten zur Geltung zu bringen. Das führt oftmals zu einer Art Wettbewerb in der Hinsicht, dass jeder vor allem sich selbst «zu Gehör bringen» will und dass dadurch die Homogenität des Quartetts leidet.

Nicht so hier! Beatrice Ruchti, Sopran, Astrid Pfarrer, Alt, Tobias König, Tenor, und Martin Weidmann, Bass, vereinigten sich zu einem ausgeglichenen und klangschönen Ensemble.

Die Stimmen im einzelnen sollen im Zusammenhang mit der «Paukenmesse» noch gewürdigt werden.

Als zweites Werk erklang das Cellokonzert in C-Dur. Der Solist Matthias Schranz spielte es mit energischem Zugriff, was ihn aber nicht hinderte, die lyrischen Stellen schön auszuspielen. Im langsamen Mittelsatz entwickelte er aus dem zartesten Pianissimo lange Töne bis zum Mezzoforte oder Forte. Und was tut Haydn, damit diese ganz feinen Stellen nicht vom Orchester «zugedeckt» werden? Er lässt das Orchester staccato spielen, mit kleinen Unterbrechungen. Im schnellen Schlusssatz hat Haydn einen derartigen «Drive» drauf, dass man an ein «Wettrennen» zwischen Solist und Orchester dachte, das logischerweise unentschieden ausgehen musste.

Die «Missa in tempore belli», Messe in Kriegszeiten, oder eben «Paukenmesse» wurde als drittes Werk aufgeführt. Sie entstand 1796, in der Zeit Napoleons I, der kurz vor der Eroberung Wiens stand. Bei diesem Werk ist Haydn auf der Höhe seiner Meisterschaft. Sein ganzes kompositorisches Können, seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Instrumentalwerken, sozusagen seine musikalische «Lebenserfahrung» sind in dieser Messe vereinigt.

Es ist unmöglich, die einzelnen Teile hier alle zu beschreiben. Einige davon sollen aber doch herausgegriffen werden.

«Qui tollis peccata mundi» (Der du die Sünden der Welt trägst) für Bass und Chor. Nur schon beim Vorspiel zu dieser Arie spürt man, warum Haydns Musik unsterblich ist. So etwas von Sanftmut und Schönheit muss jeden fühlenden Menschen bis ins Innerste berühren. Martin Weidmann sang mit wunderschön warmer und ausgeglichener Bassstimme.

Beatrice Ruchti, Sopran, sang kraftvoll und beweglich und meisterte ihre oft sehr kurzen Einsätze mit Bravour. Astrid Pfarrer, Alt, technisch ebenfalls über jeden Zweifel erhaben, überzeugt immer wieder durch ihre intensive Ausdruckskraft. Und zusammen, in den schnellen Duo-Passagen waren sie schlicht brillant. Tobias König, Tenor, stand seinen Kollegen in nichts nach. Seine gut und hell klingende Stimme integrierte sich nahtlos ins Solistenquartett. Haydn hat in diesem Werk auf längere Solopassagen beinahe ganz verzichtet.

Zum Schluss noch zu der Stelle, die einem echt «unter die Haut» ging und die dem Werk den heute gängigen Namen gegeben hat.

«Dona nobis pacem», in diese Bitte um Frieden, vom Chor wunderschön differenziert gestaltet, mischen sich urplötzlich Paukenschläge, zuerst leise, dann immer lauter und eindringlicher. Das Nahen der Kriegsscharen wird hier hörbar und fühlbar. Wir erleben die beklemmende Situation, dass der Frieden nie ganz gesichert, sondern immer wieder bedroht ist.

Wir wollen aber nicht in pessimistischer Stimmung abschliessen, sondern dankbar sein für Haydns herrliche Musik, und all jenen danken, die sie uns an diesem Konzertabend vermittelt haben. Peter Schläppi