Menuhin Festival in der reformierten Kirche Zweisimmen
Musikalische Höhenflüge im Duo, Trio und Quartett
Wenn Daniel Hope, der neue Intendant des Menuhin Festivals, zu unserer Freude wiederum eine Reihe von Konzerten in unserer Kirche plant, denkt er wohl an seine eigenen Auftritte in diesem Raum mit seiner wunderbaren Akustik zurück. So begrüsste er beschwingt und lächelnd mit seinen Hinweisen auf das diesjährige Motto «Family matters»: Vieles passt zusammen, so Hopes familiäre Verbundenheit seit Kleinkind mit Yehudi Menuhin, aber auch in Bezug auf das Abendprogramm mit der Nähe der Werke der Geschwister Mendelssohn, von Bruder Felix und Schwester Fanny.
Sonc, La Marca, Knight und Crawford-Phillips musizierten in unterschiedlichen Zusammensetzungen am Konzertabend des Menuhin-Festivals in Zweisimmen.
© Menuhin Festival Gstaad / Alexander Ponet
Der Pianist und Dirigent Simon Crawford-Phillips hatte als genialer Programmgestalter ein Streichtrio auserwählt, welches eine abwechslungsreiche Werkwahl ermöglichte. So wurde das Publikum stets wieder mit neuen Besetzungen überrascht vom Duo zum Trio und schliesslich zum Quartett.
Ein abwechslungsreiches Programm – der erste Konzertteil
Der erste Konzertteil stand im Zeichen der Mendelssohn-Family, zunächst mit vier Sopranliedern von Fanny Hensel, welche mit der Viola gespielt wurden, halt ohne Worte, dafür mit einem grossartig-vollen Klang von Adrien La Marca, der einen vom ersten Ton an sogleich in den Bann zog. Viola und Klavier bildeten eine Einheit, ob in träumerischen, gefühlvollen oder sehr bewegten Passagen. Den Text musste sich jedermann selbst vorstellen… Diese Werkgruppe zeigte auch mit aller Deutlichkeit die künstlerischen Qualitäten der Komponistin, die zu Lebzeiten stets etwas im Schatten ihres Bruders gestanden hatte und durch gesellschaftliche Normen in den privaten Rahmen gedrängt wurde.
In Felix Mendelssohns Klaviertrio Nr. 2 in c-moll betraten nun auch Tanja Sonc und Josephine Knight die Bühne – wahrhaftige Vollblut-Musikerinnen, die mit dem Pianisten Crawford-Phillips zu einem herrlich gestaltenden Trio verschmolzen: Sie lebten ihre Musik, mal lieblich-schmelzend, dann in intensiven Ausbrüchen und atemberaubenden Tempi oder in plötzlichen Rhythmuswechseln. Das staunende Publikum wurde gepackt, denn es war auch eine Augenweide, zuzusehen, wie die Musikerinnen mit ihren Instrumenten richtig verwachsen schienen und diese auch technisch brillant zum Klingen brachten. Der Pianist führte, oft lächelnd, durch alle unterschiedlichen Passagen, perlend, packend, untermalend und anfeuernd.
Werke einer späteren Epoche
im zweiten Konzertteil
Der zweite Konzertteil brachte Werke einer späteren Epoche. Die drei Stücke für Violoncello und Klavier liessen die musikalische Welt von Nadia Boulanger erklingen. Diese war in jungen Jahren Schülerin von Gabriel Fauré, stiess 1930 als Dirigentin des Boston Sinfonieorchesters in männliche Domänen vor, führte später in Paris einen Treffpunkt für viele Komponisten und unterrichtete an der Menuhin School in England. In diesen Stücken konnte sich die Violoncellistin Josephine Knight richtig entfalten. Bewundernswert, was sie ihrem Instrument für Töne entlocken konnte, vom einfühlsamen Beginn bis zum tänzerisch-leidenschaftlichen Schluss.
Gabriel Faurés 1. Klavierquartett
In Gabriel Faurés 1. Klavierquartett c-moll konnten nun alle vier Ausführenden gemeinsam genossen werden, zu einer Einheit verschmolzen im Empfinden und Gestalten. Jedes Instrument hatte seine grossen Momente als «federführende» Stimme. Die vier Sätze ermöglichten eine Fülle ausdrucksvoller Einsätze von Piano-Läufen zu rasend-schnellen oder geheimnisvoll-seufzenden Passagen. Fauré erlebte man als grossartigen Kammermusik-Komponisten.