Vortrag der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Obersimmental (JUGA)

Pubertät – die Zeit in der Eltern anfangen lästig zu werden

Letzten Dienstag startete die JUGA Obersimmental (Offene Kinder- und Jugendarbeit) mit ihrem ersten Fachvortrag für Eltern, Bezugspersonen und Pädagogen im Obersimmental. Am Thema «Pubertät» kommen die meisten Eltern irgendwann nicht vorbei. Jörg Undeutsch aus Bern informierte anschaulich und klärte auf, was in dieser entscheidenden Zeit mit den Jugendlichen passiert.

Caroline Kopp, als zuständige Mitarbeiterin für Zweisimmen und Lenk in der JUGA, lud alle interessierten Eltern oder Personen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, ein, sich mit dem Thema Pubertät auseinander zu setzen. Einige Zuhörer und Zuhörerinnen wurden mit Sicherheit an ihre eigene Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, mit all den Sorgen, Problemen und Nachdenklichkeit erinnert. In seinem Vortrag plädierte Jörg Undeutsch immer wieder für das Verständnis mit den Jugendlichen, machte aber auch deutlich, dass Probleme mit Pubertierenden nicht immer nur von diesen ausgehen.

Jörg Undeutsch hat sich im Laufe seines Lebens wiederholt mit dem Thema «Pubertät» auseinander gesetzt: Als selbst Pubertierender, als Vater von sechs Kindern (das älteste ist jetzt 25 Jahre alt), als Steinerschul-Lehrer und später auch als Sozialpädagoge. Aufgrund seiner langjährigen beruflichen Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen wie auch seinen eigenen Erfahrungen als Vater hat er seine Erkenntnisse in zwölf Thesen zusammengefasst und im Vortrag aufgezeigt.

Pubertät ist unvermeidbar

Die Jugend und somit die Pubertät als Phase zwischen Kind sein und Erwachsenwerden ist in den industrialisierten Ländern unvermeidbar. Im Gegensatz zu Ländern, wo Kinder mit einem Ritual in die Welt der Erwachsenen aufgenommen werden. Bei uns werden die Wahlmöglichkeiten immer vielfältiger. Früher hat man sich mehr von familiären oder gesellschaftlichen Vorgaben oder auch Zwängen leiten lassen. Der junge Mensch war in seinem Weg oft vorbestimmt. Jetzt ist die Individualität und die Individualisierung soweit fortgeschritten, dass sie zum Problem geworden sind. In der Pubertät wird der Jugendliche auf einmal mit der Frage: «Wer bin ich eigentlich?» konfrontiert. «Was will ich?» «Wozu bin ich auf der Welt?» «Was ist meine Aufgabe auf dieser Welt?» Aufgabe und Beruf stehen dabei in einem engen Zusammenhang. Die berufliche Orientierungsphase und somit auch die finanzielle Unabhängigkeit der Jugendlichen dauern immer länger, und somit auch die Pubertätsphase. Die berufliche Ausbildung verliert leider immer mehr an Wertschätzung, dabei böte sie den Jugendlichen die Chance – unabhängig von ihrem Elternhaus – sich in der Welt der Erwachsenen zu Recht zu finden.

Innere Unabhängigkeit und Eigenständigkeit

Für Jörg Undeutsch ist es nicht wünschenswert, dass die Pubertät problemlos verläuft, auch wenn es für Eltern der einfachere Weg ist. Werden Jugendliche am Pubertieren gehindert («Das Drama des folgsamen Kindes» nach Henning Köhler) können diese als Erwachsene später Probleme haben. Die sensible Phase der Ich-Findung, der Ablösung und des eigenständig seins kann nicht stattfinden. Die Folge kann eine seelische Unfreiheit sein, die dazu führt, dass der Erwachsene ein Gefühl der Wertlosigkeit und des Versagens empfindet. Manchmal kann es vorkommen, dass diese Erwachsenen noch in späten Jahren nachpubertieren.

Geburt der freien Seele

Mit Beginn der Pubertät werden einem ganz neue menschliche Eigenschaften bewusst: Das Denken, Fühlen und Wollen. Freie Eigenschaften, mit denen man umgehen lernen muss. Indem die Seele geboren wird, werden auch die Abgründe sichtbar. Man merkt, dass man Dinge denken, fühlen oder wollen kann, die ziemlich gemein sind. Und dass man vielleicht noch Freude daran haben kann. Wie ein kleines Kinden seinen Körper ausprobiert, probieren Jugendliche, was man mit seiner Seele machen kann. Es kann ein Zwiespalt von Befremdung und Faszination, Hin- und Her-Gerissenheit entstehen.

Die Jugendliche provozieren als «Seelenexperiment». Nicht alles was persönlich erscheint, ist das tatsächlich so gemeint!

Drei Phasen der Pubertät

So lässt sich die Pubertät entsprechend der Seelenfähigkeit in drei Phasen einteilen: Gedanken-Pubertät, Gefühls-Pubertät und Willens-Pubertät. Je nach Typ kann auch nur ein Teil durchlebt werden oder alles in unterschiedlicher Ausprägung, mit den entsprechenden Schwierigkeiten.

Die Fähigkeit zu Denken und die Vorstellungskraft werden immer bewusster und geübt: Die Komplexität und Verästelung der Gedanken, das Für und Wieder, das Üben in der Diskussion. Intensiv wird das auf und ab der Gefühle durchlebt: Himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, starke Gefühlsschwankungen, das Gefühlsleben wird erprobt. Gefühle können aber zum Beispiel auch in Romanen gedanklich durchlebt werden.

Die kritischste Phase ist mit Sicherheit die Willens-Pubertät: Hier geht es ums Tun, es ausprobieren. Manchmal sogar soweit, dass Grenzerfahrungen passieren.

Jugendliche brauchen ein Gegenüber

Zu der Frage «Wer bin ich?» kommt die gleichzeitige körperliche Veränderung. Pubertierende Jugendliche beziehen alles auf sich selbst. Jede Reaktion wird als taktisch empfunden und dennoch sind sie durchaus auch neugierig darauf, wie die Welt der Erwachsenen funktioniert. Sie suchen eine Antwort auf die Frage: «Wie finde ich heraus, wer ich bin?». Die Erkenntnis, dass auch Erwachsene auf der Suche sind, ist wichtig und interessant. Auch Erwachsene sind nicht fertig, aber es ist auch nicht aussichtslos.

Jugendliche brauchen starke, authentische Erwachsene, die zu ihrem Tun stehen und die Standpunkte vertreten, die ihnen wichtig sind. Es sollten nur die Grenzen gesetzt werden, die mit ganzer Kraft vertreten werden können.

Die Erziehung ist bis zu einem bestimmten Alter abgeschlossen (bis 14 Jahre nach Rudolf Steiner). Jörg Undeutsch ermutigt, Vertrauen in die Kinder und auch in sich selbst zu haben. Das Vertrauen, dass man die Erziehung bis dahin gut gemacht hat. Allerdings sollte Vertrauen nicht mit vollständigem Laufen lassen gleichgesetzt werden.

Jugendliche brauchen starke Erwachsene, die sich nicht aufdrängen, aber ansprechbar, spürbar und erlebbar sind.

Eltern müssen ihr eigenes Leben leben

«Eltern müssen lernen loszulassen und die Quelle finden, was sie selber wollen», so Jörg Undeutsch. Jeder Mensch hat seine eigene Biografie, auch die eigenen Kinder und man sollte ihnen die Suche und das Erfahren zugestehen. Auch das Lernen aus eigenen Fehlern. Manches gehört zum Lebenslauf dazu, auch wenn es sich manchmal erst im nach hinein erschliesst. Auch Umwege führen bisweilen schneller zum Ziel.

Kerstin Kopp