Menuhin Festival Gstaad 2013
Venezianischer Barock in Zweisimmen
Was der Trompeten-Virtuose Gábor Boldoczki und die Cappella Gabetta bei ihrem Auftritt in der Kirche von Zweisimmen boten, darf füglich als «Weltklasse» bezeichnet werden. Der Konzerttitel «La Tromba Veneziana» hielt, was er versprach und begeisterte das in hellen Scharen aufmarschierte Publikum.
Gábor Boldoczki in action.
Barocke Klänge
Wenn sich Top-Musiker unserer Zeit den Werken widmen, welche in der Hochblüte des Barocks um 1700 komponiert wurden und sie auf Originalinstrumenten nachvollziehen, entstehen Wiedergaben von eindrücklichster Intensität. Die weichen Klänge der Darmsaiten, der Holzblasinstrumente, aber auch – schon rein visuell – des prächtigen Neupert-Cembalos und der alles überragenden Theorbe (einer Art Bass-Laute mit verlängertem Hals, zwei Wirbelkästen und 16 Saiten) erfüllten den weiten Kirchenraum. Nuancenreich erklangen allerfeinste, gerade noch erhaschbare Töne neben-stürmisch bewegten Ausbrüchen. Die geeignete Akustik wird in dieser Woche auch die Grundlage für die CD-Aufnahmen bilden, die hier von Sony Classical gemacht und im November 13 unter dem Titel «Tromba Veneziana» erscheinen werden. Im Münchner Prinzregententheater wird die Präsentation sein… Wir dürfen uns glücklich schätzen, im Rahmen des Menuhin Festivals eine Art Vor-Première erlebt zu haben.
Eine Trompeten-Zauberstunde
Dem ungarischen Künstler Gábor Boldoczki war der Ruf des Ausnahmekönners unter den besten Trompetern unserer Zeit schon vorausgegangen. Der oft preisgekrönte Musiker beherrscht ein vielseitiges Repertoire von wohlklingenden Barockwerken bis zu modernen Stücken unserer Zeit. Sein neustes Projekt mit venezianischer Musik enthält zwei Konzerte von Antonio Vivaldi, ursprünglich für die Violine oder die Oboe als Soloinstrument geschrieben, die er selber für seine Trompete adaptierte. Er hat sichtlich Spass, auch andere Seiten seines Instrumentes aufzuzeigen, wenn er das eher melancholische des Oboen- und daneben das Virtuose des Violinkonzertes nachempfindet. So zog Boldoczki das Publikum mit seinen Interpretationen total in den Bann. Staunend lauschte man den blitzblanken Spitzentönen, den glasklaren Koloraturen, den atemberaubenden Trillern und Verzierungen, den rasanten Läufen, den dynamischen Wechseln zu berührend-weichen Pianomelodien. Er spielte, als ob es nichts Leichteres gäbe, oft lächelnd, jede musikalische Bewegung geniessend. Im Konzert von Giuseppe Torelli liess der Künstler das Typische dieses ganz für die Trompete komponierten Werkes aufleuchten: Glanz, Gloria und Feierlichkeit. Musikkritiker begeben sich auf die Suche nach geeigneten Superlativen…
Ein Streicherensemble zum Geniessen
Der sympathische, temperamentvolle Geiger Andrés Gabetta stand mit seiner 2010 gegründeten Cappella gleichen Namens nach dem erfolgreichen Konzert vor einer Woche in Saanen zum zweiten Mal im Festivalprogramm. Das Ensemble war nicht einfach Begleiter des Startrompeters. Nein, es entpuppte sich wiederum als ein Klangkörper von ungemeiner Eindringlichkeit in jeder Hinsicht: Im präzisen Zusammenspiel auch in ultraschnellen Passagen, im gemeinsamen Gestalten von vielen dynamischen Finessen, in der Beherrschung technisch anspruchsvollster Stellen und auch in der noblen Zurückhaltung gegenüber den Soloinstrumenten. Jedes Register war mit hochkarätigen Musikern besetzt, ein jeder in der Lage, solistische Partien gefühlvoll zu übernehmen. Dies zeigte sich beispielsweise in Vivaldis Konzert für 3 Violinen, wo jeder Ton, jede Bewegung und jeder Gegensatz «sass». Man überlegte sich berechtigterweise, was wohl Vivaldis Mädchen des venezianischen Waisenhauses für Könnerinnen sein mussten, die solche Konzerte spielen konnten!
Der Leader der Cappella, Andrés Gabetta, strahlte auf seine Leute eine grossartige Führung aus. Er gab klare Vorzeichen zum Start und zu den Tempowechseln. Er lebte in stetem Blickkontakt zum Ensemble, mit dem er die Werke gestaltete. Gleich zu Beginn des Konzertes packte er in der Ouvertüre zur Oper «Zenobia» von Johann Anton Hasse vom ersten Ton an energisch zu und zog, einer Visitenkarte gleich, das Publikum sofort in seinen Bann. Er brillierte aber auch als Solist, wenn er seinem barocken Instrument wohlklingende Töne aller Schattierungen entlockte, von technisch anspruchsvollsten Takten bis hin zu singenden, zu Herzen gehenden Melodien.
In Georg Philipp Telemanns Wassermusik «Hamburger Ebb’ und Flut», die 1723 zum 100-jährigen Bestehen der Hamburgischen Admiralität entstanden war, konnte die Cappella Gabetta ihre ganze Bandbreite an Gestaltungsfreude und Raffinessen zeigen. Die Suite ist eine Folge abwechslungsreicher Sätze mit programmatischen Titeln, in denen die Flöten mit ihrem Ideenreichtum für herrliche zusätzliche Fülle sorgen. Mit etwas Phantasie liessen sich Erzählungen zum Thema «Wasser» nachempfinden, so beispielsweise die Tonmalerei zu Beginn mit Wellenschlag und ruhig daliegender See, der von feinster Stille bis zum brausenden Orkan anschwellende «stürmische Aeolus»-Satz, die Gigue mit der echten, enorm gelungenen Darstellung von Ebbe und Flut oder die abschliessende «Canarie», in welcher die Boostleute wohl auf dem schaukelnden Schiff mit lustigen Akzenten ihr fröhliches Fest feierten.
Die umjubelte Künstlergemeinschaft schenkte dem begeisterten Publikum eine besondere Vivaldi-Zugabe. Boldoczki und Gabetta liessen mit der Cappella zusammen nochmals ihre Instrumente erstrahlen und gaben den Zuhörern ein berührendes fliessend-weiches Stück mit auf den Heimweg, das später sicher jedermann zum Träumen eingeladen hat. Klaus Burkhalter
Gábor Boldoczki und Andrés Gabetta .
Gábor Boldoczki