Blind durch den Fjord und im Team auf den Gipfel
Nicola Buchs meistert den Norseman Xtreme Triathlon und sichert sich das begehrte Black Shirt
Es ist einer der härtesten Triathlons der Welt und er endet auf dem höchsten Berg der Provinz Telemark, Norwegen. Am 1. August hat mein Bruder Nicola den Norseman Xtreme Triathlon bezwungen. Das Rennen, das dieses Jahr zugleich als XTRI-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde. Nach 12 Stunden, 40 Minuten und 54 Sekunden überquerte er die Ziellinie auf dem 1883 Meter hohen Gaustatoppen. Rang 36 im Gesamtklassement, Rang 31 in der Kategorie Männer und damit erreichte er das designierte Ziel: das Black Shirt. Ich durfte als Teil seines Betreuerteams dabei sein und auf den letzten Kilometern als sein Supportläufer unterstützen.
Nici mit dem Black Shirt der Finisher und dem Gaustatoppen im Hintergrund.
Beim Norseman erreichen nur die ersten 160 Athletinnen und Athleten den Gipfel. Wer es unter sie schafft, erhält das legendäre schwarze Finisher-Shirt; alle anderen beenden das Rennen weiter unten und tragen Weiss. Nicola gehörte zu den Schnellen und lief ganz nach oben.
Blind durch das kalte Wasser
Der Wecker klingelte um 2.20 Uhr, nach einer kurzen, durchzogenen Nacht. Was folgte, hielt alles für uns bereit: Höhen, Tiefen, Kälte, Nässe. Schon im Wasser die erste Prüfung des Tages. Nicola hatte die Kälte des Fjords unterschätzt. Nach dem 5-Meter-Sprung von der Fähre beschlug seine Schwimmbrille von innen und liess sich nicht mehr retten. Weil die Ebbe zudem die Startlinie verschob, wurden aus den 3,8 Kilometern Schwimmstrecke fast 4,5. Verlängerte Strecke und fehlende Sicht kosteten mehr Kraft als einkalkuliert.
Ein schleichender Platten
auf 180 Kilometern
Auf dem Rad kam der nächste Rückschlag: Probleme am Vorderrad, ein schleichender Luftverlust. Wir – sein Supporter-Team, bestehend aus Rolf Zeller und mir – mussten gemeinsam mit Nici entscheiden: Schlauch wechseln oder immer wieder anhalten und nachpumpen?
An ein Ankommen in der zweiten Wechselzone glaubte in diesen Kilometern kaum jemand mehr, Nicola am wenigsten. Dass ihn ausgerechnet ein technischer Defekt, den er nicht beeinflussen konnte, an den Rand brachte, zerrte an den Nerven. Umso grösser die Erleichterung, als der Boden dort wieder trug: «In der Wechselzone bekam ich ein zweites Leben geschenkt», sagt er.
Der Zombie Hill
Der abschliessende Marathon führt hinauf in den berüchtigten «Zombie Hill»: rund 1500 Höhenmeter, nur aufwärts, ohne Pause. Bis Kilometer 25 machte Nicola Rang um Rang gut, doch auf dem Rad hatte er viel Substanz gelassen. Am Fuss des Anstiegs war klar: Allein geht es nicht weiter. Schon bei Kilometer 20 hatte er es angekündigt – ab dort brauche er mich.
Als Supportläufer stieg ich bei Kilometer 25 ein, deutlich früher als die ab Kilometer 37 vorgeschriebene Begleitung. Für mich war sofort klar: Wenn er mich ab hier braucht, dann bis ganz nach oben.
Die ersten Kilometer versuchten wir, in den flacheren Haarnadelkurven noch zu joggen. Ab Kilometer 32 nur noch Powerwalk. Rennen konnten zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch wenige. Dort fassten wir den Entschluss, das Rennen sicher und gesund ins Ziel zu bringen.
Bei Kilometer 34 riefen wir Rolf an, der bei Kilometer 37 mit der letzten Verpflegung und aufgefüllten Pflichtrucksäcken wartete.
Zu dritt über die Ziellinie
Gemeinsam mit Rolf überquerten wir die legendäre Ziellinie auf dem Gaustatoppen. «Ein magischer Moment für uns alle», sagt Nicola und ich kann es nur bestätigen. Weinen? Schreien? Oder beides gleichzeitig? Ich weiss es nicht mehr.
Erzählt wird diese Geschichte bald auch in bewegten Bildern: Filmemacher Sven Pieren hat das gesamte Vorhaben begleitet und schneidet seine Aufnahmen zu einem Kurzfilm. Wie schon nach dem Ironman auf Hawaii will Nicola die Premiere zu einem eigenen Anlass machen – die Öffentlichkeit darf sich also auf ein Wiedersehen mit dem Gaustatoppen freuen. Wann dies stattfindet und in welcher Form: Wir werden berichten!
Die Fancrew aus dem Simmental mit Nicola Buchs in der Mitte.