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BLS: das Ende vom Einheitswagen III

Letzte Fahrt des alten BLS-Rollmaterials im Simmental

Am Samstag, 11. Dezember 2021 fuhr zum letzten Mal ein RegioExpress der BLS von Interlaken nach Zweisimmen, es war zugleich die letzte Fahrt der Einheitswagen III. Wir haben die Komposition auf ihrem letzten fahrplanmässigen Kurs begleitet und blicken zurück auf die Geschichte des Zuges.

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Einheitswagen III

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© Sarah Schneiter

Nur ein verwischter Schemen im Fenster: Der Gegenzug, ebenfalls auf seiner letzten Fahrt, kreuzt in Därstetten.

© Sarah Schneiter

Ein letztes Mal heisst es auf der Anzeige in Interlaken Ost „RegioExpress nach Zweisimmen“ – der Zug steht fahrbereit auf Gleis 8.

© Sarah Schneiter

Ein kurzer Blick in den Führerstand vor der Abfahrt – draussen gehen Eisenbahnfreunde in Position für ein letztes Foto des Zuges.

© Sarah Schneiter

Lokführer Beat Tauss hat den letzten Zug nach Zweisimmen und zurück nach Spiez geführt, eine Fahrt, die in Erinnerung bleibt.

RegioExpress 4081 nach Zweisimmen steht auf Gleis 8 am Bahnhof Interlaken Ost, Abfahrt um 17.08 Uhr. Es ist in mehrerlei Hinsicht der letzte Zug: RE 4081 ist der letzte direkte RegioExpress der BLS, der von Interlaken nach Zweisimmen fährt, gleichzeitig die letzte Fahrt der alten Einheitswagen III, kurz EW III, die zum Fahrplanwechsel hin abgestellt werden. Wir begleiten den Zug auf seiner letzten Fahrt durchs Simmental, machen einen Rückblick auf ein Stück Schweizer Technik- und Bahngeschichte und wagen einen Ausblick in die Zukunft.

«Hebet gueti Erinnerige»

«Die BLS begrüsst Sie im RegioExpress nach Zweisimmen und wünscht Ihnen eine angenehme Fahrt», ertönt die Durchsage, die diesmal Zugbegleiter Markus Stucki selbst macht. Er fährt fort: «Die letzte Fahrt der EW III. Mir gniesses – u hebet gueti Erinnerige.»

Die sechs Wagen, die sonst am Samstagabend mit wenigen Fahrgästen unterwegs sind, haben diesmal mehr Publikum an Bord. Vor allem Eisenbahnfreunde, die ein letztes Mal mit den EW III fahren wollen, ein paar letzte Fotos des Zuges schiessen, ehe er nach dem Einsatz ins Depot fährt. Die Stimmung ist ruhig, schon beinahe feierlich.

Während RE 4081 dem Thunerseeufer entlangfährt, erzählt Markus Stucki: «Ich werde sicher mit einem weinenden Auge in Spiez aussteigen. Der EW III war mein Lieblingszug, ein Stück der alten Eisenbahn.» Der Zugbegleiter ist in seiner ganzen Karriere bei der BLS in den Einheitswagen mitgefahren. Ehe er sich auf den letzten Gang durch den Zug macht, ergänzt Stucki: «Ich bin glücklich, kann ich die letzte Fahrt begleiten.»

Die in der Schweiz gebauten Einheitswagen III nahmen Mitte der Siebzigerjahre unter dem Markennamen «Swiss Express», dem Vorläufer des InterCity, den Betrieb bei den Bundesbahnen auf. Die damals in auffälligem Orange-Steingrau lackierten Wagen waren der neue Paradezug der SBB und verkehrten zu Beginn auf der Strecke des heutigen IC 1 von Genf über Bern und Zürich nach St. Gallen.

Die neuen Wagen waren für ihre Zeit revolutionär: Der erste klimatisierte Städteschnellzug der Schweiz hatte geräumige Abteile, einen druckdichten Übergang zwischen den Wagen und, als weiteres Novum, automatische Kupplungen. Als Lokomotive wurde der weitverbreitete und zuverlässige Typ Re 420 gewählt, eine Serie, die auch heute bei SBB Cargo und einigen Privatbahnen noch viele Güterzüge in der Schweiz zieht und zudem in Verstärkungszügen der Zürcher S-Bahn eingesetzt wird.

Ursprünglich war auch geplant, eine Neigezug-Vorrichtung einzubauen, die sich aber nicht bewährt hatte – eine Technologie, die später mit dem Neigezug von Cisalpino und kurz darauf dem InterCity-Neigezug der SBB in Fahrzeugen von Schweizer Bahnen verwendet wurde. Die EW III erlebten in ihrem Einsatz einige Umbauten, unter anderem wurden Wagen zu Steuerwagen umgerüstet, sodass am Endbahnhof die Lok nicht mehr umgehängt werden musste, sondern vom anderen Zugende aus ferngesteuert werden konnte.

Eine bewegte Zukunft

Mit den EW III verschwindet ein Stück Schweizer Eisenbahngeschichte aus dem Simmental, der Zug, der den Grundstein für viele Komfort-Standards der modernen InterCitys gelegt hat. Im neuen Fahrplan verkehren an ihrer Stelle die Pendelzüge des Typs RBDe 565 und 566, die bereits vorher einige RegioExpress-Kurse im Simmental geführt haben, neu zwischen Zweisimmen und Spiez, ohne Weiterfahrt nach Interlaken. Doch auf der Strecke ist weder Schluss mit geschichtsträchtigen Zügen noch mit Direktverbindungen nach Interlaken: Ab dem Fahrplanwechsel im kommenden Dezember soll der GoldenPass Express seinen Betrieb aufnehmen, der mit neuen Panoramawagen Montreux über Zweisimmen mit Interlaken verbindet, dank der Umspuranlage in Zweisimmen ohne Umsteigen (die Simmental Zeitung berichtete).

Aktuell macht der Zug noch Testfahrten und ist ab und an mit einer BLS- oder MOB-Lokomotive in Zweisimmen zu sehen. Ende 2022 kommen auch die Reisenden zwischen Spiez und Bern in den Genuss neuer Züge, denn ab dann werden die Regio im Simmental mit den modernen MIKA der BLS geführt, was bei vielen Verbindungen mehr Sitzplätze bedeutet – zudem hat der neue Triebzug eine Bistrozone mit Kaffee- und Snackautomaten.

Auch die Geschichte der nun «pensionierten» EW III ist nicht ganz zu Ende: SBB Historic, die Stiftung für historisches Erbe der SBB, wird eine Komposition aus vier Wagen übernehmen und für die Nachwelt erhalten. Und wer weiss, vielleicht wird der dann historisch restaurierte Zug in einiger Zeit wieder das Simmental besuchen.

Erstellt am: 18.12.2021

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