Bergbahnen: neue Studie, alte Erkenntnisse
Zum fünften oder sechsten Mal innerhalb von knapp dreissig Jahren sind die Bergbahnen der Destination Gstaad (BDG) Gegenstand von Studien. Die von der Beratungsfirma «Trimea» im Rahmen einer Ist-Analyse gewonnenen Erkenntnisse sind nicht neu: Die BDG verfügt in fast allen Angebotsbereichen über Überkapazitäten. Eine Reduktion des Angebotes ist unumgänglich. Gleichzeitig sind weitere Investitionen zwingend nötig. Im Rahmen der Gesamtbeurteilung kommt «Trimea» (vertreten durch die ehemaligen Lenker Touristiker Hansueli Schläppi und Manfred Fiegl) zum Schluss, dass die BDG in ihrer heutigen Aufstellung keine selbsttragende Funktion erreichen kann.
Wieder einmal ziehen Wolken über die Bergbahnen der Destination Gstaad. Sie verschleiern Rinderberg und Saanerslochgrat.
Das Fazit des von der Gemeinde Saanen organisierten Informationsanlasses kann in zwei Sätzen zusammengefasst werden: Die BDG kann nur eigenwirtschaftlich überleben, wenn die massiven Überkapazitäten in allen Bereichen umgehend abgebaut werden. Wünschen die Aktionäre und Steuerzahler den Status Quo, wird es weitere massive Gemeinde-Einschüsse erfordern!
Neue Beratungsfirma,
aber keine neuen Erkenntnisse
Im vergangenen Vorwinter war die Beratungsfirma «Trimea» von der Gemeinde Saanen und den anderen involvierten Gemeinden (St. Stephan, Zweisimmen, Lauenen, Gsteig, Rougemont) beigezogen worden. Dauerkritik der «Gruppe 5» an den BDG-Entscheiden, Hinweise der Revisionsgesellschaft, andauernde Liquiditätsengpässe und aufgeschobene Investitionen hatten zu diesem Schritt geführt. Die Resultate der aktuellen Untersuchung sind nicht neu: Schon die Firma Elektrowatt und Berater namens Brunner, Theus, Furger und andere waren in ihren früheren Beurteilungen zu ähnlichen Schlüssen gekommen. Ihre Vorschläge wurden aber nie 1:1 umgesetzt.
Messerscharfe Analyse
Bei der Präsentation des aktuellen Ist-Zustandes nahm «Trimea»-Vertreter Hansueli Schläppi kein Blatt vor den Mund: «Die Liquidität der BDG ist zu oft im roten Bereich. Trotz grosser Investitionen konnten die Erträge nicht gesteigert werden. Der Ertrag pro gewichtete Anlage ist nur halb so gross wie bei der Konkurrenz. Das ist eine Folge der massiven Überkapazitäten. 60% der Anlagen sind älter als 20 Jahre. Die Berghäuser saugen mit jährlichen Betriebsdefiziten von gesamthaft etwa 450 000 Franken an der Substanz. Auf die einzelnen Sektoren bezogen, wirtschaftet nur das Gebiet Saanenmöser-Schönried erfolgreich. Die Teilgebiete Zweisimmen/St. Stephan und Gstaad/Rougemont erreichen nur knapp genügende Resultate und von Rellerli und Wispile braucht man gar nicht zu sprechen».
Damoklesschwert «Marktaustritt»
Zusammenfassend stellte der Lenker Bergbahnspezialist fest: «Die BDG hat eine zu geringe Ertragskraft, eine ungenügende Liquidität, einen grossen Investitionsbedarf und eine hohe Verschuldung. Derartige Unternehmungen haben eine schwierige Zukunft vor sich. Es besteht sowohl Handlungsbedarf für operative Verbesserungen als auch zur Stärkung des Eigenkapitals. Wenn die Ertragskraft nicht verbessert werden kann, droht ohne weitere Kapitaleinlagen mit à-fonds-perdu-Charakter der Marktaustritt (Konkurs)».
Das bestehende Angebot ist nicht Gstaad-würdig
Die von «Trimea» vorgelegten Schlussfolgerungen sind eindeutig: «Die BDG verfügt in fast allen Angebotsbereichen über Überkapazitäten; eine Reduktion des Angebotes ist unumgänglich. Das bestehende Angebot ist nicht standesgemäss bzw. konkurrenzfähig. Die Erwartungen der Gäste (Marke Gstaad) entsprechen nicht dem effektiv vorhandenen Angebot. Nebst der Reduktion des Angebotes sind gleichzeitige Investitionen zwingend nötig». Für Hansueli Schläppi kann eine Gesundung aber nur dann erfolgen, wenn sie von unten kommt und wenn jeder selber davon überzeugt ist und daran mitarbeitet.
Zukunft: Nicht selbsttragend
aber wirtschaftlich tragbar
Versammlungsleiter Aldo Kropf gab bekannt, dass am Nachmittag die zweite Phase eingeläutet worden sei: «Das Ziel ist nicht eine selbsttragende, sondern eine wirtschaftlich tragbare Bergbahnlandschaft. Je mehr Wünsche da sind, je mehr öffentliche Gelder werden erforderlich sein. Es ist nicht mehr die Zeit für das Durchstieren von Eigeninteressen. Wir müssen nach aussen gemeinsam auftreten. In enger Zusammenarbeit zwischen Bergbahnen, Gemeinden und Gstaad Saanenland Tourismus müssen nun die strategische Ausrichtung der Unternehmung bestimmt, Varianten erarbeitet und Möglichkeiten der Finanzbeschaffung für Betrieb und Unterhalt abgeklärt werden.»
Wirtschaftlich tragbar heisst im Klartext, dass sich die Gemeinden (vorab Saanen) weitere Mitfinanzierungen vorstellen könnten. Dass damit der angepeilte Abbau von Überkapazitäten wohl auf der Strecke bleiben dürfte, ist wahrscheinlich. Offen blieb am Informationsabend auch, wieweit die Banken in den Prozess einbezogen wurden und wie deren Haltung ist.
Verwaltungsrat und Geschäftsleitung entlastet
Schlussendlich nahm Bruno Kernen. Schönried aus der Sicht des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung Stellung zu den Studien: «Sie haben aufgezeigt, dass die aktuellen BDG-Behörden ihre Verpflichtungen erfüllt haben. Immerhin konnten in den letzten vier Jahren gegen 80 Millionen investiert werden. Die Anforderungen der Öffentlichkeit und die Erfüllung der verschiedenen Eigeninteressen stimmten nicht mit den generierten Erträgen überein». Der Verwaltungsrat sei gewillt, mit dem Steuerungsausschuss, mit den Gemeinden und mit «Trimea» zusammenzuarbeiten und seine Verantwortung weiterhin wahrzunehmen. Man erwarte aber klare, finanziell abgestützte Leistungsaufträge, stellte der Hotelier klar.
Etwas mehr Demut vonnöten
Der designierte neue Verwaltungsratspräsident sparte in seinem emotionalen Referat aber auch nicht mit Kritik: «Die Landeigentümer-Beiträge sind generell zu hoch und in Einzelfällen exorbitant. Ganze 10% der Eigentümer kassieren 90% der Zahlungen. Die Gemeinden haben bei der Parkplatzbereitstellung dringenden Handlungsbedarf. Am Horneggli fehlen uns im kommenden Jahr 120 der bisherigen Parkplätze. Die Hoteliers verlangen ganzjährig offene Bahnen, öffnen ihre eigenen Betriebe aber teilweise nur während sechs bis acht Monaten».
An die Adresse der Dauerkritiker (die sich an diesem Abend nicht äusserten) richtete Bruno Kernen seinen Schlussappell: «Kritiken ohne Verbesserungsvorschläge bringen nichts. Offenbar geht es uns noch zu gut, sonst würden wir uns nicht in Grabenkämpfen verzetteln. Etwas mehr Demut könnte uns nicht schaden!»
In der von nur vier Votanten bestrittenen Diskussion wurden die Erkenntnisse grösstenteils bestätigt. Bis im kommenden Frühjahr sollen nun entscheidungsreife Zukunftsvarianten für die Bergbahnlandschaft um Gstaad ausgearbeitet werden. Ernst Hodel