Chancen und Herausforderungen in historischen Häusern
Anlässlich der Veranstaltungen zum 40-Jahr-Jubiläum der Wakkerpreisverleihung an die Gemeinde Diemtigen organisierte der Naturpark Diemtigtal am 19. August in Oey eine Podiumsdiskussion zum Thema «Wohnen im geschützten Haus». Fachleute aus Architektur, Denkmalpflege, Baukultur und eine Bewohnerin eines historischen Hauses diskutierten über die Chancen und Herausforderungen, die mit dem Erhalt und der zeitgemässen Nutzung historischer Gebäude verbunden sind.
Die reich verzierte Fassade am historischen Haus Wattfluh in Horboden.
Moderiert wurde der Abend von Patrick Schmed, Moderator und Journalist bei der Plattform J. Auf dem Podium waren Ursula Egger (Architektin und Co-Leiterin der Bauberatung des Berner Heimatschutzes, Regionalgruppe Thun Kandertal Simmental Saanen), Lukas Bühlmann (Vizepräsident der Stiftung Baukultur Schweiz), Prof. Dr. Dieter Schnell von der Berner Fachhochschule für Architektur, Holz, Bau, Beat Schwabe (Präsident von Ferien im Baudenkmal), Peter Olf (Architekt und Bauberater sowie Mitglied der Geschäftsleitung des Berner Heimatschutzes) und Theresia Stucki, Bewohnerin des historischen Hauses Wattfluh in Horboden.
Denkmäler erzählen Geschichten
Prof. Dr. Dieter Schnell brachte zu Beginn den Begriff des Denkmals auf eine einfache Formel: Ein Denkmal sei «ein Haus, das eine vergangene Geschichte gut erzählt». Historische Gebäude seien damit weit mehr als alte Bauten. Sie bewahrten Geschichten und vermittelten einen Zugang zur Vergangenheit. Der Aufwand für die Anerkennung und den Erhalt eines Baudenkmals möge gross sein, letztlich sei die Gesellschaft jedoch ärmer, wenn solche Zeugnisse verschwinden.
Auch beim Umbau historischer Gebäude steht die Geschichte des Hauses im Zentrum. Ursula Egger erklärte, was es dafür brauche: ein konkretes Bedürfnis, Liebe zum Haus, eine Vorstellung davon, wie es künftig genutzt werden soll, den frühzeitigen Einbezug von Fachleuten sowie Vertrauen, Zeit und finanzielle Mittel. Durch eine sorgfältige Zusammenarbeit könne ein historisches Gebäude für eine neue Zeit aufgeweckt werden. Entscheidend sei dabei ein Vertrauensverhältnis zwischen allen Beteiligten, denn solche Projekte seien meist mit längerer Zusammenarbeit verbunden.
Sanieren statt neu bauen
Peter Olf, der in Erlenbach tätig ist, setzt sich besonders für das Sanieren und Restaurieren bestehender Bauten ein. Für ihn sind qualifizierte Handwerksleute sowie eine gute Gesprächskultur zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche Projekte. Gerade im Berner Oberland gebe es viele gute Fachleute, was ein grosses Glück sei.
Wie sich die Sicht auf ein historisches Gebäude im Laufe der Zeit verändern kann, schilderte Theresia Stucki. Als sie und ihre Familie das Wattfluh kauften, stand zunächst vor allem dessen Funktion im Vordergrund. Heute nehme sie das Gebäude und seine Geschichte anders wahr.
Eine besondere Form der zeitgemässen Nutzung historischer Bauten stellte Beat Schwabe vor. Unter dem Motto «Machen Sie Ferien, wo andere gewohnt haben», führt die Stiftung Ferien im Baudenkmal nicht mehr genutzte historische Gebäude einer neuen, temporären Nutzung zu. Ziel ist es, möglichst viel originale Bausubstanz zu erhalten und die Häuser gleichzeitig erlebbar zu machen.
Das Diemtigtal als Kulturlandschaft
Lukas Bühlmann wurde gefragt, wie er das Diemtigtal im Vergleich mit anderen Regionen der Schweiz beurteile. Besonders positiv hob er hervor, dass im Diemtigtal nicht nur die einzelnen Gebäude, sondern auch die Aussenräume und deren Zusammenspiel betrachtet würden. Diese prägten die Kulturlandschaft wesentlich. Im Tal sei spürbar, dass die Gebäude und Landschaften eine Geschichte und eine eigene Identität hätten.
Peter Olf ergänzte, dass bei Bauprojekten im Diemtigtal häufig zunächst das persönliche Gespräch gesucht werde. Man kenne sich und tausche sich direkt aus. Auch das vorhandene Wissen und Können der lokalen Holzfachleute sei ein grosser Vorteil.
Wie lassen sich «Schürli» erhalten?
Auch das Publikum beteiligte sich an der Diskussion. Eine zentrale Frage betraf die kleinen Scheunen, die sogenannten «Schürli», und deren Bedeutung für die traditionelle Streusiedlungslandschaft. Wie können diese Gebäude erhalten werden, wenn sie die heutigen Bedürfnisse der Landwirtschaft oftmals nicht mehr erfüllen? Eine einfache Antwort darauf konnten auch die Fachleute nicht geben. Die Frage zeigt vielmehr ein ungelöstes Spannungsfeld auf: Der Erhalt der charakteristischen Kulturlandschaft ist wichtig, gleichzeitig müssen landwirtschaftliche Betriebe zeitgemäss funktionieren können. Für die «Schürli» bleibt deshalb die Suche nach geeigneten Nutzungsformen eine grosse Herausforderung.
Einigkeit herrschte darüber, dass mit dem Verlust von Baudenkmälern auch wertvolles Handwerk verloren zu gehen droht. Baukultur umfasst eben nicht nur Gebäude und Landschaften, sondern ebenso das Wissen und Können der Handwerker, die diese Bauten erhalten und weiterentwickeln.
Moderator Patrick Schmed (rechts) führte gekonnt durch den Abend und befragte die anwesenden Expertinnen und Experten.
© Rahel Mazenauer