Ländliche Spitäler – Wie weiter ab 2012?

In der Schweiz gibt es 271 Spitäler. Erhard Ramseier, der abtretende Leiter des Spitalamtes des Kantons Bern, glaubt, dass weitere Spitäler schliessen müssen. Seine Nachfolgerin spricht von einer notwendigen Flurbereinigung. Die Versorgungsplanung des Kantons Bern rechnet mit einem Rückgang von ca. 20 Prozent. Seit 1998 sind im Kanton acht Bezirksspitäler geschlossen oder umgenutzt worden. In den grösseren Bezirks- und Regionalspitälern sind in den letzten zehn Jahren ca. 600 Betten abgebaut worden.

Auch am Oberland gehen diese Entwicklungen nicht spurlos vorbei. Die Frage ist von eminent regionalpolitischer und regionalwirtschaftlicher Bedeutung. Es geht um eine der wichtigsten Dienstleistungen für die Bevölkerung, aber auch um zahlreiche Ausbildungs- und Arbeitsplätze und um Steuereinnahmen.

Der technische Fortschritt in der Medizin führt vermehrt weg von der stationären hin zur ambulanten Behandlung. Obwohl die Zahl der Patienten bis ins Jahr 2012 voraussichtlich gleich bleiben wird, werden die ländlichen Spitäler also weniger Übernachtungen verzeichnen.

Die ländlichen Spitäler stehen im Wettbewerb mit grossen Spitälern im Zentrum. Ein Regional- oder Bezirksspital kann nur weiter bestehen, wenn es nach der Einführung des neuen Finanzierungsmodells ab 2012, nach welchem die Spitäler ihre Investitionen selber erarbeiten müssen, gelingt, folgende vier Massnahmen zu erfüllen:

Einerseits ein qualitativ hochstehendes Versorgungsangebot. Der Patient, der von der Qualität der Versorgung im Spital überzeugt ist, wählt dieses für seine Behandlung und gibt seine Erfahrungen weiter. Eine gute Dienstleistung schafft einen guten Ruf und ist bestes Marketing. Die ländlichen Spitäler kommen nicht darum herum, für ihre Dienstleitungen aktiv Werbung zu betreiben. Dieser Wettbewerb muss darauf ausgerichtet sein, die Patientenströme zu steuern, zwecks Erhöhung der Fallzahlen.

Wichtig scheint mir auch die Personalisierung der medizinischen Dienstleistung. Der Patient bringt die Leistung oft mit dem Namen des ihn behandelnden Arztes in Verbindung. Eine weitherum gute Reputation des Chefarztes und seines Teams bürgt für Qualität und schafft Vertrauen, denn die höchst persönliche Leistung des Arztes wird oft über seinen Namen definiert und weiterempfohlen. Die Spitalärzte sollten aus diesen Gründen vermehrt in öffentlichen Vorträgen und Medienauftritten ihren Ausbildungsweg und ihr «Können» darstellen.

Weiter ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass bei Patienten, aber vor allem bei vielen Hausärzten die Meinung vorherrscht, der Prophet im eigenen Lande tauge wenig. Dies führt zu Zuweisungen in Spitäler ausserhalb der Region, obwohl das Spital in der Nähe und der hier tätige Spitalarzt die Versorgung genau so professionell durchführen könnte.

In der «Insel» und im Privatspital in der Stadt ist nicht immer alles besser als im Regional- oder Bezirksspital !

Wir haben demzufolge die Beeinflussung des Patientenstromes und das Überleben unserer ländlichen Spitäler weitgehend in unserer Hand; wir bestimmen mit unserer Verhaltensweise über deren Schicksal und Weiterbestehen.

Aber auch die Politik ist gefordert. Es muss darum gehen, den ländlichen Spitälern bei der Zuweisung der restlichen Fondsgeldern eine faire Startposition mit gleichlangen Spiessen zu ermöglichen. Wichtig ist, dass bei der Bündelung der Interessen und Kräfte in dieser Frage alle einflussreichen Kreise ihre Verantwortung wahrnehmen, am gleichen Strick und an diesem in die gleiche Richtung ziehen. Bei diesem zentralen Thema hat es keinen Platz für Grabenkämpfe. Das betrifft auch die Diskussionen um die Standortfrage des Akutspitals im Obersimmental/Saanenland.

Ein ländliches Spital hat als Akutspital demzufolge nur dann eine Zukunft, wenn es ab 2012 chancengleich mit anderen starten, mit qualitativ guten Leistungen und aktiver Werbung den Patientenstrom anziehen, somit hohe Fallzahlen generieren und finanzielle Mittel für zukünftige Investitionen bereitstellen kann.

Walter Messerli, Grossrat, Interlaken

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Erstellt:
16.02.2010, 08:45 Uhr
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