Gemeindeversammlung lehnt Überbauungsordnung ab:

Wuchtiges Nein zur Erschliessungsstrasse ins Industriegebiet

Der Erlenbacher Souverän stellte sich in der Angelegenheit Industrie-Erschliessungstrasse gegen den Gemeinderat. Mit 89 zu 34 Stimmen lehnte die Gemeindeversammlung die vorgeschlagene Zufahrts-Variante ins Gewerbe- und Industriegebiet beim Bahnhof klar ab. Alle anderen Traktanden (Finanzplan, Voranschlag 2011, Strassen-Instandstellungen, Abrechnung Kredit Ortsplanungsrevision) wurden stillschweigend gutgeheissen oder zur Kenntnis genommen.

Die Mehrheit der Erlenbacher Bevölkerung lehnte den Vorschlag für eine neue Zufahrt ins Industrie- und Gewerbegebiet beim Bahnhof, wie sie hier eingezeichnet ist, ab.

Die Mehrheit der Erlenbacher Bevölkerung lehnte den Vorschlag für eine neue Zufahrt ins Industrie- und Gewerbegebiet beim Bahnhof, wie sie hier eingezeichnet ist, ab.

Gemeindepräsident Martin Jutzeler hatte in der Botschaft zur Gemeindeversammlung vom 2. Dezember seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ins Gewissen geredet und sie zur Teilnahme an den Gemeindeversammlungen aufgefordert. Der Appell (oder war es das umstrittene Traktandum Erschliessungsstrasse?) fruchtete: Am vergangenen Donnerstag erschienen weit über hundert Personen (10,8 Prozent der Stimmberechtigten); viermal mehr als im Vorsommer!

Die aktuelle Zufahrt befriedigt nicht

Die Abklärungen zur besseren Erschliessung der Industrie- und Gewerbezone rund um den Bahnhof Erlenbach beschäftigen den Gemeinderat seit Jahren. Gemeinderatspräsident Peter Brügger orientierte über die Gründe für die Verlagerung des Verkehrs von der Bahnhofstrasse auf eine neue Zufahrt: «Die Zunahme des Verkehrs, die Belastung des Wohnquartiers, die schwierige Einfahrt in die Kantonsstrasse, die Sicherung der Schulwege und der Umstand, dass Erlenbach nach kantonaler Vorgabe zum regionalen Wohn- und Arbeitsschwerpunkt werden soll, waren Anlass für die Prüfung mehrerer Erschliessungsvarianten.»

Viele Varianten, viele Knacknüsse

Ein erster Versuch zu einer besseren Zufahrt scheiterte bereits 1994 nach der «Beerdigung» des Umfahrungstunnels in Erlenbach. Die Variante «Zufahrt über die Steinistrasse» hat der Gemeinderat nach geologischen Abklärungen fallen gelassen. Die Idee einer Zufahrt ab Stockhorn-Parkplatz via Zentrale der Simmentaler Kraftwerke wurde wegen zu erwartenden Friktionen (Stockhornbahn-Parking), aus Kostengründen und weil das Weier-Gewerbegebiet nicht optimal hätte bedient werden können, verworfen. Nach Abklärungen mit dem Kanton schieden auch Lösungen einer Erschliessung im Talgrund, entlang der Simme aus. Die Planung konzentrierte sich damit auf die Variante A. Diese hätte nördlich des Dorfeingangs (knapp 100 Meter vor der Zufahrt zum Spital und Alterszentrum) in die Kantonsstrasse gemündet. Auf dem ersten Teil des vorgesehenen 1140 Meter langen neuen Strassenabschnittes wären 30 Höhenmeter mit maximal 9,5 Prozent Gefälle zu überwinden gewesen. Mittels eines Damms hätte man so den Talboden beim Fussballplatz und über die Austrasse entlang dem Bahnkörper das Industriegebiet und den Betrieb des Holzwerks Reinhart erreicht. Das Sägewerk war auch bereit gewesen, 500 000 Franken an die Ausbaukosten von geschätzten gut drei Millionen Brutto-Baukosten zu bezahlen. Gemeinderatspräsident Peter Brügger führte aus, dass die Linienführung – vorab bei der Einfahrt und im Gebiet des Landwirtschaftsbetriebes «Beunde» – nach Besprechungen mit den Kantonsbehörden, den Grundeigentümern und Bewirtschaftern optimiert werden konnte. Trotzdem konnten mit zwei Einsprechern keine Einigung gefunden werden.

Die Befürworter blieben stumm

Der gemeinderätliche Vorschlag erhielt in der anschliessenden Diskussion keinerlei Support. Sieben Anwesende argumentierten gegen die vorgelegte Überbauungsordnung. Eine neue Zufahrt wurde zwar im Grundsatz nicht bestritten, aber «so nicht!» lautete der Grundtenor. Gerügt wurden vor allem die Auswirkungen auf den stark betroffenen Landwirtschaftsbetrieb, die Eingriffe auf die Landschaft und die Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Gemeinde. Die jährlichen Unterhalts- und Abschreibungs-Kosten (über eine Zeitspanne von 25–40 Jahren gerechnet) wurden vom Rat mit über 150 000 Franken oder einem Steuerzehntel beziffert. Mehrere Votanten baten den Gemeinderat um weitere Abklärungen mit dem Kanton: «Nach den Unwettern hat auch der Kanton Handlungsbedarf und es sollte eine gemeinsame Lösung (Ortsumfahrung/Erschliessungsstrasse) geprüft werden». Nach fast zwei Stunden Information und Diskussion war das Resultat der Abstimmung absehbar: Nur 34 Personen stimmten für, aber 89 gegen die Überbauungs-Ordnung.

Verpasste Chance

Wie es nach der Ablehnung in Sachen Industrie-Erschliessung weitergeht, konnte Gemeinderatspräsident Peter Brügger nach der Versammlung noch nicht sagen. Erstaunlich war, dass sich keine Anwohner aus dem Gebiet der bestehenden Zufahrt und keine Vertreter aus dem neu zu erschliessenden Gewerbegebiet zum Wort meldeten. Thomas Läderach, Mitinhaber des Sägewerks Reinhart Holz AG, erklärte gegenüber der SZ: «Die Ablehnung bedeutet eine verpasste Chance für Erlenbach. Für unseren Betrieb hat der Entscheid kurzfristig keine Auswirkungen, aber mittelfristig stossen wir an Grenzen».

Sinkende Schülerzahlen ergeben Handlungsbedarf

Die restlichen Traktanden waren Formsache. Der von Gemeinderätin Esther Wyler präsentierte Gemeinde-Voranschlag für 2011 rechnet mit einem Ertragsüberschuss von 21 000 Franken; die Steueranlagen bleiben unverändert. Der von ihr erläuterte Finanzplan bis 2015 ist (nach der Ablehnung der Erschliessungsstrasse) wohl Makulatur; die auf 2014 erwartete Steuererhöhung dürfte vom Tisch sein. Gemeinderat Niklaus Kunz präsentierte zwei Strassen-Wiederinstandstellungs-Projekte. Die Zustimmung zu den Krediten über 240 000 Franken für das Strassenstück Moos–Oberberg und über 126 000 Franken für den Abschnitt Thal–Allmenden waren unbestritten. Unter Verschiedenem informierte Vize-Gemeinderatspräsident Werner Bühler über die weiterhin rückläufige Entwicklung der Schülerzahlen. In Erlenbach muss eine Klasse geschlossen werden, in Latterbach bleibt es bei aktuell zwei Klassen. Die Schulbehörden suchen angesichts der demografischen Veränderungen nach langfristigen Lösungen und machen sich Gedanken über eine gemeindeübergreifende Zusammenarbeit in Sachen Oberstufenzentrum. Ernst Hodel

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Erstellt:
09.12.2010, 11:13 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 18sec
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