Vortrag der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Obersimmental-Saanenland (JUGA)

Flugversuche – wie Eltern ihre Kinder in die Selbständigkeit begleiten können

Letzten Donnerstag setzte die JUGA Obersimmental-Saanenland (Offene Kinder- und Jugendarbeit) ihre Vortragsreihe für Eltern, Bezugspersonen und Pädagogen im Obersimmental fort. Dieses Mal engagierten sie Gerald Koller, Rausch- und Risikopädagoge und erfolgreicher Buchautor aus Österreich.

Nach einer kurzen Begrüssung durch Rosa Reiter, der Leiterin der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Obersimmental-Saanenland begann Gerald Koller seinen Vortrag. Mit kleinen schauspielerischen Einlagen gab er seine Erfahrungen an die leider nicht so vielen aber sehr interessierten Zuhörer und Zuhörerinnen weiter. Gerald Koller bringt mit seiner lockeren Art und seinen Beispielen so manch einen zum Schmunzeln und jeder hat bestimmt etwas von seinem Vortrag mit nach Hause genommen.

Schade, dass die Resonanz nicht grösser war, denn es gibt in unserer Region nicht so viele Möglichkeiten, sich im Bereich Familien, Kinder und Erziehung, letztlich auch allgemeinen gesellschaftlichen Themen weiterzubilden.

Gerald Koller hat sich als ehemaliger Lehrer seit 25 Jahren mit Pädagogik, Kommunikation und der Beziehungsbildung in Schulen, Betrieben und Gemeinden beschäftigt. Nachdem er beim Aufbau der Suchtprävention in Österreich mitgeholfen hat, entwickelte er aus seinen Erkenntnissen das Konzept der Rausch- und Risikopädagogik. Dieses wird heute im gesamten deutschsprachigen Raum von Fachleuten bei der Sucht- und Gewaltprävention angewendet und weiterentwickelt.

«Weiter als der Verstand reicht das Verständnis»

Mit diesem Leitgedanken eröffnete Gerald Koller seinen Vortrag. Gewisse Verhaltensweisen, z.B. von Jugendlichen, kann man nicht begreifen. Verständnis kann man aber schon aufbringen, auch wenn es manchmal schwierig ist. Das Verständnis geht viel tiefer. Es ist ein Verstehen mit dem Herzen.

Wie man heute weiss, ist die Jugendzeit die Zeit, in der sich das Gehirn das einzige Mal vollständig neu strukturiert. Alle «Landkarten», die das Kind bisher gelernt und sich angeeignet hat, sind weg. Viel Neues kommt hinzu. Gerald Koller appellierte an die erwachsenen Zuhörer, den Kontakt zum eigenen inneren Jugendlichen nicht zu verlieren und sich selbst an die eigene Jugendzeit zu erinnern. Eltern sollten nicht in den «pädagogischen Alzheimer» verfallen.

Drei Faktoren nennt Gerald Koller als die wesentlichen Unterschiede zu der Welt, in der Jugendliche früher aufgewachsen sind:

Doppelmoral und Unwissenheit

Die Doppelmoral ist viel grösser geworden: Pädagogen und Eltern sagen: «Pass auf! Halte Mass! Achte auf deine Grenzen!» Die Medien und die Wirtschaft jedoch vermitteln genau das Gegenteil. Die Extreme sind es, mit denen man bekannt und berühmt wird: «Geh über die Grenzen, dann erlebst du was.» Die berauschenden, die Risikosituationen sind reizvoll. Nur so spürt man das Leben.

Es wird der Anschein geweckt, dass nur das Aussergewöhnliche bemerkenswert ist und zu einem lohnenswerten Leben führt. Jugendliche werden mit dem Brückenbau zwischen diesen beiden Botschaften alleine gelassen und müssen für sich eine Balance finden.

Wichtige Gespräche zwischen Eltern und Jugendlichen bezüglich der eigenen Erfahrungen, z.B. auch mit der Sexualität, werden immer noch nicht geführt. Es wurde festgestellt, dass heutige Jugendliche viel weniger wissen als vor zehn Jahren. Und das trotz der Möglichkeiten oder gerade auch wegen der Gefahren im Internet. Es gibt eine grosse Spanne zwischen angeblichem Wissen und vollkommener Unwissenheit. In bestimmten Bereichen werden die Jugendlichen alleine gelassen.

Manchmal ist eine Botschaft aber auch so schrill, dass eine andere nicht durchkommt. Dabei gibt kein wesentlicheres pädagogisches Mittel als das Gespräch. Ein Gespräch in dem Sinn «kann ich dir meine Erfahrungen mit auf den Weg geben» und nicht «Pass auf…».

Gruppenorientiertes Leben

Ab ca. dem 12. Lebensjahr leben Jugendliche mehr in Gruppen, auch in sogenannten Communities wie z.B. Facebook. Sie lernen in der Gruppe und diese ersetzt die Familie. Dabei sollte Jugendlichen bewusst gemacht werden, dass, wenn etwas passiert, dieses in der Gruppe passiert. Man fühlt sich sicherer und wird euphorischer. Ein einzelner geht nicht so sehr ein Risiko ein. Bei Entscheidungen sollte auf sich selber gehört werden.

Zeitarmut

Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist die Zeitarmut. Untersuchungen haben ergeben, dass die Menschen ihr Leben heute 45 Mal schneller als 1960 erleben (europaweiter Schnitt). Die Unterhaltungselektronik, die Kommunikationstechnologie, die Mobilität (Auto etc.), alles ist die Grundlage unseres heutigen Lebens und auch der heutigen Wirtschaft. Alles geht immer schneller. Da wir aber nicht mehr Informationen verarbeiten können als früher, sind wir mehr im Stress.

Laut Koller verlernen die Menschen, das Tempo rauszunehmen und Zeit zu geniessen. «Für die wirklich guten Dinge braucht man Zeit».

Die Überreiztheit unserer Welt, das Adrenalin, ist das eigentliche Drogenproblem in unserer westlichen Welt. Alles muss heute schnell und möglichst effizient gehen, auch das Konsumieren.

Wen wundert es da, dass sich dies auch auf die Jugendlichen auswirkt. Die Zeit vom ersten Schluck bis zum Eintritt der Berauschung hat sich auf ein Drittel reduziert. Dabei trinken die Jugendlichen weniger Alkohol als in den 70er Jahren.

Wie können Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsensein begleitet werden?

Zum einen brauchen sie Erwachsene, die wie Leuchttürme in einer oft so dunklen Welt sind. Die zeigen, dass sie sich fürs Leben einsetzen und Hoffnung geben.

Bewähren statt Bewahren

Zum anderen müssen sich Kinder und Jugendliche bewähren. Bewährungspädagogik ist das, was bereits Maria Montessori gesagt hat: «Hilf mir, es selbst zu tun.» Das heisst, Eltern sollten ihre Kinder und Jugendlichen dabei begleiten, dass sie sich bewähren können. Dass sie auch hinfallen können und daraus lernen, wieder weiterzugehen.

Bewahrungspädagogik macht nur Sinn, wenn wirklich Gefahr droht, dass Kind zum Beispiel vor einer existenziellen Gefährdung bewahrt werden muss. Alle anderen Gefährdungen sind Risiken und mit diesen umzugehen, müssen Kinder und Jugendliche lernen. Dabei sollten die Ängste der Eltern nicht auf die Kinder übertragen werden. Kinder vor Schaden zu bewahren wirkt, aber nicht so, wie es die Absicht ist. Es bewahrt nämlich auch vor dem Kompetenzerwerb, und diesen braucht man zum erwachsen sein.

«Führe mich in der Versuchung»

«Die Versuchung gibt es und die Aufgabe der Pädagogik ist es, Fähigkeiten zu entwickeln, mit diesen Versuchungen umzugehen: in der Sexualität, im Kaufrausch, im Umgang mit virtuellem Geld, oder auch beim Trinken von Alkohol.,« so Gerald Koller.

«Spring und lande»

Koller vergleicht die Pubertät in seinem Vortrag mit einem Parcours-Sprung und verdeutlicht dies mit einer Grafik. Parcours ist eine städtische Fortbewegungskunst, möglichst schnell von einem Ort zum anderen in der Stadt zu kommen, indem man z.B. artistisch von einem Hausdach zum anderen springt. Dies machen hochkonzentrierte Bewegungskünstler.

Der Sprung von einer sicheren Absprungrampe = Kindheit, in eine ersehnte tolle Zeit als Erwachsener = Landung. Als Eltern können wir nichts tun, ausser zuzuschauen und auszuhalten, dass die Gefahr beim Sprung lauert. Aber auch wenn wir nichts tun können, haben wir Möglichkeiten: Ganz wichtig für einen guten Sprung durch die Pubertät ist eine gute Kindheit. Das bedeutet, dass dem Kind Vertrauen geschenkt wurde, Liebe und Anerkennung. Es bedeutet aber auch eine Kindheit, die Vielfalt möglich macht und die Vielfalt trainiert.

Vielfalt als Basis für eine bessere Balance

Wer viele Tasten hat, wie z.B. ein gutes Buch lesen, Gärtnern, mit einer Freundin telefonieren, einen Film schauen, kann sich besser wieder in Balance bringen. Da macht es auch nichts, wenn der Frust einmal mit Alkohol oder Schokolade vertrieben wird. Gerald Koller vergleicht die Vielfalt mit einem Klavier. Hat man nur eine Taste, dann ist das Leben wirklich eintönig.

Vielfältige Möglichkeiten führen nicht zu einer Sucht. Je weniger Tasten zur Auswahl stehen, desto enger wird das Leben. Von Sucht und Abhängigkeit wird dann gesprochen, wenn nur noch eine Taste zur Auswahl steht. Z.B. nur noch am Computer gespielt, in Facebook verweilt, Alkohol getrunken oder Sport gemacht wird.

Fehlerkultur und Beziehungen pflegen

«Eine Fehlerkultur zu haben, bedeutet, dem Scheitern einen Raum zu geben, bedeutet Scheitern zuzulassen und nicht abzuwerten», so Koller. «Menschen können nur aus zwei Dingen lernen: Erfolg und Scheitern. Ist das Scheitern nicht erlaubt, fehlt den jungen Menschen 50 % der Lernmöglichkeit. Dabei ist beides wichtig: Erfolg bestätigt, Scheitern ermöglicht Veränderungen, eine neue Taste zu entwickeln und damit mehr Vielfalt.»

Ebenso wichtig ist, mit den jungen Menschen in einer Beziehung zu stehen. Für eine Beziehung braucht es zweierlei: Vertrauen und Spannung. Eltern sollten froh sein, wenn sie mit ihren Kindern Spannungen haben. In diesen Zeiten lernt man am meisten voneinander.

Für eine gute Zukunft einsetzen – der politische Teil des Elternseins

Die letzten Faktoren für eine gute Landung in der Erwachsenenwelt sind die Zuversicht und der Sinn. Es hat einen Sinn, diesen Sprung zum Erwachsensein zu wagen. Es gibt eine Zukunft, für die es sich lohnt. «Zum Glück gibt es hin und wieder Mentoren oder Begleiter, die als Vorbild für ein lebenswertes Leben dienen», so Gerald Koller.

Die Zuversicht kann durch familiäre Feste vermittelt werden. Wie sollen Kinder herausfinden, wann sie «gelandet» sind? Auch die kleinen Dinge im Leben sind wichtig, «kleine Feste» des Lebens. Gerald Koller ermutigt: «Wir sollten achtsam schauen, wann und wie wir Menschen bestärken können. Loben sie ihr Kind z.B. für den Mut den es aufgebracht hat, Dinge zu tun, wovor es immer Angst hatte.»

Seinen Vortrag beendete er mit dem Satz von Hermann Hesse «Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und uns hilft zu leben». Und um diesen Zauber geht es bei der Begleitung der Kinder und Jugendlichen.

Kerstin Kopp

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Erstellt:
30.03.2013, 17:08 Uhr
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