Wie ich mich als Kirchgemeinderatspräsident anlässlich unserer KG-Versammlung zum Sträfling machte

Von Walter Küng

Anlässlich einer schönen, wertvollen Predigt führten wir gestern unsere ordentliche Kirchgemeindeversammlung durch. Natürlich vor fast leeren Bänken!

Maximal 15 Personen auf Anmeldung dürfen am Gottesdienst noch zugelassen werden! Der Pfarrer sprach von der Nähe und der Obhut Gottes für uns Menschen auch in der heute speziellen Zeit und zeigte uns mit einer lebendigen speziellen Lebensgeschichte der kranken «Nadine» auf, wie schwer es sei, Trost, Mitgefühl, Anteilnahme, Wärme und Mut zu überbringen.

Aber wie ist solches in der aktuellen Zeit überhaupt möglich? Wer Gottesdienste halten will, muss sich an die Vorgaben von Bund und Kanton halten, d.h. macht Seelsorge, kirchliche Feiern, übt frohe aber auch traurige Handlungen aus, aber bleibt um Gottes willen zu Hause! Da kann nur der grösste Optimist fröhliche Weihnachten wünschen!

Vom Gesang ist erst recht keine Rede! Wahrlich eine schwierige Aufgabe! Ob solches wirklich nach dem Willen unseres Schöpfers ist, wage ich zu bezweifeln.

Nun zu meinem «Vergehen»: Da um 9.55 Uhr schon 15 Personen in der Kapelle sassen, müsste unsere Sigristin Therese ihre Pflicht ausüben und den 16. Gottesdienstbesucher, aus dem nebligen Unterland angereist, wieder heimschicken. Ebenso die zwei Personen, welche fünf Minuten zu spät unangemeldet um Einlass gebeten haben.

Und da habe ich halt meine «Macht» als Kirchgemeindepräsident missbraucht und dem 16., 17. und 18. Predigtbesucher auf meine Verantwortung Einlass gewährt.

Auch der Kirchgemeinderat hat die Predigt angehört: Drei Personen im Glockenstübli, fünf im Aufenthaltsraum und eine Person im Freien bei minus 5°. Ich weiss, ich habe mich gegenüber den Vorschriften des BAG strafbar gemacht. Auf eine Strafe von dieser Seite bin ich gespannt. Aber ich bin überzeugt: Der Herrgott im Himmel hat mir mein Vergehen schon längst verziehen! So viel Vernunft und Gottvertrauen hat mir mein Leben bisher gegeben.

Also ich bin gespannt, was da auf mich zukommt?

Nun auf die Frage unseres Pfarrers in seiner Lebensgeschichte «wie soll ich’s Ihnen sagen?» Sicher nicht vor fast leeren Bänken im Gottesdienst, unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei Beerdigungen oder abgesagten Weihnachtsfeiern.

Von unserem Pfarrpersonal dürfen keine Heldentaten erwartet oder gar verlangt werden. Aber das Okay vonseiten kirchlicher Obrigkeit, von Politik und Gesellschaft ihre Amtshandlungen vor allen, die sie in Anspruch nehmen möchten, nach den bestmöglichen Sicherheitsmassnahmen zu vollziehen. Und den Mitmenschen Mut zu Eigenverantwortung zuzusprechen, ist zu tolerieren!

Noch eine politische Randbemerkung: Haben wir doch gerade ein turbulentes Abstimmungswochenende hinter uns, wo wir unter objektiver Betrachtung sagen können, «es isch no einisch guet gange». Und das trotz Stimmenmehr der Befürworter, aber dank dem wunderbaren und einzigartigen Abstimmungsgesetz unserer Demokratie, dem erforderlichen Mehr der Stände, abgelehnt wurde. Was hatten wir da für «weise Leute» unter unseren Vorfahren!

Eine eigentlich gut gemeinte Konzernverantwortungsinitiative, welche leider den falschen Namen trug, wurde abgewiesen. Sie müsste nämlich Selbst- oder Eigenverantwortungsinitiative heissen! Und warum das: Mit der KVI wollte unsere Gesellschaft einige wenige Unternehmungen verpflichten, etwas zu vollziehen, welches wir alle selbst zu verantworten hätten.

Denn wollen wir es weiter selber verantworten, dass ein Grossteil der Artikel zum täglichen Gebrauch (Textilien, Hilfsstoffe, Medizin usw.) in den Billigländern auf dieser Welt hergestellt werden, und subventioniert und verbilligt zu uns Verbrauchern transportiert werden.

Ja, dass das Papier, welches wir alle täglich mindestens einmal gebrauchen, um unser «wertvollstes Hinteres» zu putzen, aus der Drittwelt hergekarrt wird, derweil unser Holz in unseren Wäldern verfault und weder kostendeckend aufgerüstet, noch verkauft werden kann?

Oder, dass unsere Obstproduzenten aus Kostengründen die Äpfel verfaulen lassen müssen, weil marktpolitisch gemachte Rückbehalte und Spottpreise sie dazu zwingen!

Derweil wir in den Genuss kommen von Angeboten und Aktionen aller möglichsten Fruchtsäften aus der ganzen Welt! Von den 30–40% gesunden und veredelten Lebensmitteln, welche wir täglich entsorgen nicht zu reden. Diese Liste liesse sich noch beliebig verlängern! Umweltschutz lässt grüssen!

Ja, liebe Mitmenschen, da hätten wir wirklich genügend Selbstverantwortung zu übernehmen! Und da wüssten auch unsere Kirchen, wie sie sich zu verhalten haben und welche Eigenverantwortung sie bereit sind, entgegenzunehmen!

Ist doch die sicher ernst zu nehmende Gefahr mit den schlimmen Folgen des Coronavirus eine Folge davon! Wichtige Zeichen würden uns eigentlich Natur und Umwelt schon längst liefern. Alles Folgen, welche unsere Lebensweise mit der totalen Globalisierung und der grenzenlosen Mobilität mit sich bringt!

Also wüssten wir eigentlich, wo die Hebel anzusetzen sind!

Ich wünsche Euch, liebe Leserschaft, frohe Festtage! U blibet gsund u zwäg! , Oey-Diemtigen

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Erstellt:
17.12.2020, 00:00 Uhr
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