100 Jahre Pferdezuchtgenossenschaft Saanen-Obersimmental
Allerbeste Werbung für das Pferd
Hätten sich die Organisatoren der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Bestehen der Pferdezuchtgenossenschaft Saanen-Obersimmental ein schöneres Wochenende auslesen können? Wohl kaum. Der Zuschaueraufmarsch sprengte alle Erwartungen der Organisatoren. Wer nicht dabei war, hatte einmal mehr Unrecht. Waren die Prämierungen am Samstag noch ein Pflichtlaufen, so entsprachen die sonntäglichen Vorführungen der Kür: allerbeste Werbung für das Pferd!
100 Jahre Pferdezuchtgenossenschaft Saanen-Obersimmental
Der Speaker entschuldigte sich am frühen Sonntagnachmittag beim zahlreich aufmarschierten Publikum für die im Restaurantzelt entstandenen Engpässe. Die Organisatoren des Anlasses hatten schlicht und einfach nicht mit einem dermassen grossen Besucherauflauf gerechnet. Die Verpflegungsequipen kamen ganz schön ins Schwitzen; am Schluss hatten indes alle Besucher ihre Pommes frites, das Schnitzel oder den Chäsbrätel auf dem Teller. Der Stimmung auf dem Saaner Flugplatzgelände tat es keinen Abbruch. Wer sich die Hauptakteure, die Pferde, näher ansah, hatte das Gefühl, dass sich die schön gestriegelten und geschmückten Kreaturen von ihrer allerbesten Seite zeigen wollten und an der ihnen zugedachten Aufgabe ihren hellen Spass hatten.
Präsentation und Prämierung am Samstag…
Fohlenschau, Präsentation der Hengste, die lieblichen Stutenfamilien, der Züchtercup und die Publikumswahl der Miss (oder des Misters) Jubiläum: Am Samstag ging es im Ring noch eher professionell zu und her. Wer durch die Boxen spazierte, sah die konzentrierten Gesichter der Pfleger/innen, welche ihre Lieblinge für den Auftritt präparierten. Ueli Reichenbach, Präsident der Pferdezuchtgenossenschaft Saanen-Obersimmental und schon als Kind in eine Rösseler-Umgebung hineingeboren, sagte es so: «Gute, vom Züchter angestrebte Werte sind das ganze äussere Erscheinungsbild des Pferdes, dessen Körperbau, die Gliedmassen, die Gänge (Trab, Schritt und Galopp), aber auch der gute Charakter, Gutmütigkeit und Wille.»
Hat das Pferd als Nutztier in der heutzutage hoch-technologisierten Landwirtschaft überhaupt noch eine Bedeutung? «Die Mechanisierung hat selbstverständlich eine Vorrangstellung», meint Reichenbach. Indes, es gibt noch Betriebe, welche auf die herkömmlichen Pferdestärken nicht verzichten wollen. Dazu gehören gewiss auch eine grosse Portion Idealismus und Liebhaberwert.
Die Armee greift für Spezialeinsätze auf die anerkannten Werte des Pferdes zurück: Anders als andere Truppengattungen, welche in den letzten Jahren verschwunden sind, gehören die Train-Pferde bis zum heutigen Tag zur Schweizer Armee.
Gab es im vorigen Jahrhundert noch eine «einheimische» Pferderasse, die Erlenbacher, so hat der Freiberger als Nutztier, als Zugpferd, für die Freizeit und ganz einfach als des Menschen guter Freund als «Freudetier», eine Vorrangstellung.
…Kür und Schaulaufen am Sonntag
Was es da alles zu sehen gab! Straff organisiert folgten sich am Sonntag die Darbietungen von Pferd und Reiter Schlag auf Schlag: Da waren einmal die stolzen Berner Dragoner zu bewundern, aber auch die Hengste des Eidgenössischen Gestüts in Avenches. Der Sechserzug einer bekannten Schweizer Brauerei ist sowieso ein Publikumsliebling; stolz zogen die sechs starken Belgier den reich geschmückten Brauereiwagen. Die Trainformation der Schweizer Armee beeindruckte durch eine gelungene, forsch präsentierte und perfekte Demonstration ihres Könnens (unter den kritischen Augen des Obersten im Generalstab, notabene). Da gab es die Fahr- und Reitquadrillen der Genossenschaft zu bestaunen, sowie diverse Darbietungen der umliegenden Pferdezuchtgenossenschaften. Nicole Wittmer und Ernst Voegeli zeigten eine anmutige Dressurnummer. Schlussendlich beklatschte das Publikum auch noch die Pferdearbeit während der letzten 100 Jahre. Wer Pferde liebt, konnte sich nicht sattsehen. Andere, mit dem Tier weniger Vertraute, konnten sich an der Vorstellung dieser eleganten Kreaturen und am Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier ganz einfach nur freuen.
Weg von den Exoten
Nach seinen Wünschen für die Zukunft befragt, zögerte der Präsident der Pferdezuchtgenossenschaft, Ueli Reichenbach, nicht lange: «Ich wünsche mir, dass die jungen Rösseler abkommen von der Exotenzucht (z.B. amerikanische Quarterhorses, argentinische Criollo usw.). Das Bestreben müsste sein, unsere eigenen Freiberger in den Mittelpunkt der Schweizer Zuchtanstrengungen zu stellen.» Reichenbach würde es begrüssen, wenn sich generell wieder mehr Landwirte der Pferdezucht zuwenden würden.
Festredner Nationalrat Erich von Siebenthal zeigte sich von den Darbietungen begeistert. Er äusserte sich so: «Diese Beziehung zwischen Mensch und Tier gilt es in der heutigen technologie-besessenen Zeit zu fördern. Tiere, in diesem Falle speziell das Pferd, haben eine extreme Bedeutung. Sie würden wohl manch eine Psycho-Therapie als überflüssig erscheinen lassen.»
Das letzte Wort gehörte dem Präsidenten des mit Bravour aufgetretenen OKs. Im Vorwort zum gedruckten Festprogramm liess sich Jürg Zumbrunnen so vernehmen: «Lang ist es her, als im Saanenland die Pferdezucht eine der tragenden Säulen der Wirtschaft war. Lange vor dem Rindvieh brachte die Zucht und Aufzucht des Erlenbacherpferdes Geld und Ansehen in die Region. Als im Jahre 1911 die Pferdezuchtgenossenschaft Saanen-Obersimmental gegründet wurde, war diese Epoche bereits Vergangenheit - das Erlenbacherpferd galt als ausgestorben. Heute wird der grösste Teil der (wirtschaftlichen) Wertschöpfung im Dienstleistungssektor erarbeitet. Das Pferd als Zug- und Lasttier hat sich praktisch verabschiedet. Seine neue Aufgabe ist die als Freizeitkamerad für Jung und Alt. Das Freibergerpferd ist die letzte Original-Schweizer Pferderasse. Wir alle sind aufgerufen, dieses einmalige Erbe zu erhalten und weiter zu entwickeln…»
Viele mochten das Festgelände mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen haben. Lachend, weil es den Pferdeliebhabern so bravourös gelungen war, dem Publikum ihre Pferde näherzubringen. Weinend? Soll es nun wirklich 100 Jahre dauern, bis man diese stolzen Kreaturen und ihre Betreuer wieder bei der Arbeit bewundern darf? John Stucki