Menuhin Festival Gstaad
Ein Kammermusikalischer Höhepunkt
Wenn sich drei Meisterinnen ihres Instruments zusammenfinden, dann müssen wohl musikalische Interpretationen der Extraklasse entstehen. Patricia Kopatchinskaja, Sol Gabetta und Khatia Buniatishvili erfüllten am vergangenen Samstagabend die hohen Erwartungen des in hellen Scharen aufmarschierten Publikums in der Saaner Kirche in reichem Masse. Die drei jungen Künstlerinnen widmeten ihr Konzert der am Donnerstag in Wien verstorbenen jungen Pianistin Mihaela Ursuleasa, einer nahen Freundin der Geigerin.
Im Andenken an…
So wurde im Programmheft die Vorschau betitelt, quasi eine Inhaltsangabe zu den beiden grossen Klaviertrios des Abends, welche als Hommage an verstorbene Freunde von Schostakowitsch und Tschaikowsky komponiert worden waren. Nun sollte der Titel leider der heutigen Realität entsprechen: Patricia Kopatchinskaja sprach vor dem Konzert in bewegten Worten vom Tod ihrer geliebten und verehrten Freundin Mihaela Ursuleasa, die sie als pianistische Kammermusikpartnerin so sehr geschätzt hatte.
Die Ausführenden spielten zu Beginn, in Abänderung des Programms, nicht den angekündigten Sonatensatz von Franz Schubert, sondern dessen Notturno in Es-Dur, komponiert 1827, welches in seiner eher schwermütigen Art dem tragischen Ereignis den nötigen Ausdruck verleihen konnte. Die langsamen Bewegungen, die Pizzicato-Dekorationen der Hauptmelodie und die der Musik zugrunde liegende Tragik strömten höchst emotionale Gefühle und tief empfundenen kammermusikalischen Geist aus.
Musik aus Zeiten der Not
Wie eingangs erwähnt, schrieb Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) sein Klaviertrio Nr. 2 in e-Moll, op. 67 im Jahr 1944 zum Andenken an einen verstorbenen Freund. Sein Werk bringt aber auch Not und Elend der Kriegszeit zum Ausdruck und die schwierige Situation des Komponisten in der stalinistischen Umgebung zwischen Hoffen und Bangen.
Leiser und feiner könnte ein Beginn wohl kaum sein: Fahle Flageoletttöne im Cello, kanonartig von der Violine aufgenommen, stimmten ins tragische Geschehen ein, das sich aber in der Interpretation durch die drei Ausnahme-Künstlerinnen zu einem grossartigen Ganzen entfaltete. Da wurden volksliedhafte Züge hervorgehoben, da weiteten sich sanfte Themen zu grösster Heftigkeit aus, in rhythmischer Perfektion. Der zweite kurze Satz wurde zu einem Höhepunkt. Die Temperamente der jungen Musikerinnen versprühten hier ihre ansteckende Begeisterung und zigeunerhafte Virtuosität. Gleich darauf folgte im Largo eine echte Totenklage mit schweren Klavierakkorden und mit Vibrati der Streicherinnen vom Feinsten. Im Schlusssatz erlebte man ein Wechselbad der Gefühle von schalkhaften Zügen bis hin zum verklingenden, eher makabren Totentanzmotiv. Und dies alles in perfekter Übereinstimmung der Ausführenden gespielt, dank der stupenden Technik, des steten Augenkontakts untereinander, der begeisternden Spielfreude, des totalen Körpereinsatzes und des echten gemeinsamen Empfindens.
Ein Leckerbissen für drei herausragende Musikerpersönlichkeiten
Nach der Pause setzten sich die Künstlerinnen mit Peter Tschaikowskys (1840–1893) Klaviertrio a-Moll, op. 50 auseinander, «à la mémoire d’un grand artiste». Gemeint ist damit der 1881 verstorbene Freund Nikolai Rubinstein, der Gründer des Moskauer Konservatoriums. Nur aus Tradition komponierte Tschaikowsky dieses Trio, doch es entstand ein höchst komplexes Werk in ungewöhnlicher Weise nur zwei Sätzen, allerdings mit elf reizvollen Variationen. Es könnte eine Art Lebensschilderung sein, aufblühend am Anfang, verlöschend am Ende, durchzogen von depressiven Schüben, schmerzvoll-melancholischen, aber auch von überraschungsreichen Ausbrüchen in Fröhlichkeit und Übermut mit lebensbejahenden Themen.
Tschaikowsky lässt den Musikerinnen Raum zur Entfaltung: Die 25-jährige Georgierin Khatia Buniatishvili zeigte schon im ersten eindringlichen Thema ihr poetisches Gespür. Unerhört, was sie dem Flügel für Klänge entlocken konnte, wie ihre Hände zart über die Tasten glitten, um gleich wieder in einer Art Ekstase phänomenale Virtuosität und Heftigkeit auszudrücken. Schwierigste Stellen wirkten bei Buniatishvili wie ein Kinderspiel. In Erinnerung klingen beispielsweise die hohen Glockentöne in den Variationen, ebenso die Klavierwellen unter dem Streicherthema oder das unerhört eindrücklich gestaltete Solo vor dem Schlusssatz nach.
Sol Gabetta ist ja eng mit dem Menuhin Festival verbunden. Doch jede Begegnung mit dieser begnadeten Cellistin ist ein neues grosses Erlebnis. Auch sie lebte mit Leib und Seele ihren Tschaikowsky, entlockte ihrem Instrument grossartige Töne, dunkel-geheimnisvolle, neckisch-gezupfte, tänzerisch-hüpfende oder schwelgend-singende. Ich höre noch den langen Celloton im 2. Satz: Wie vielgestaltig kann ein einzelner Ton sein! Gabettas meisterhaftes Spiel, ihre ansteckende Fröhlichkeit und brillante Technik prägten das Konzert in reichem Masse.
Patricia Kopatchinskaja spürte man ihren Schmerz um die geliebte Partnerin nur in ihrem ruhig-bedrückten Auftreten an. In der Musik aber legte die grandiose Geigerin all ihre bestaunenswerten Qualitäten dar. Sie faszinierte mit ihrem beseelten Ton, ihrer überbordenden Leidenschaft, ihrer oft bewusst eigenwilligen Tongestaltung. Höhepunkte waren bestimmt ihr mystisches Solo im 1. Satz, verklingend bis in die absolute Stille oder ihre Saitensprünge und Staccati in grösster Beweglichkeit mit stupender Bogentechnik in den Variationen. Kopachinskajas Temperament und ihre Freude an technischen Finessen lösten im Publikum immer wieder bewunderndes Staunen aus.
Der plötzliche Gewittersturm über dem Saanenland tat der zart ausklingenden Coda keinen Abbruch. Die berechtigt begeisterten Ovationen erwirkten eine spannende Piazzolla-Zugabe und dank des Regens nochmals eine Tschaikowsky-Variation. Das zu einer Einheit verschmolzene Trio dreier Ausnahmekünstlerinnen hat einer grossen, beglückten Zuhörerschaft einen Konzertabend der Superlative geschenkt.
Klaus Burkhalter