Erzählnacht in der Grubenberghütte SAC

Musik, Geschichten und das Wintermärchen

Die bayerische Künstlerin Hedwig Rost.

Die bayerische Künstlerin Hedwig Rost.

Echte Märchenliebhaber/-innen lassen sich von Nebel, Wind und Schneetreiben nicht einschüchtern. So geschehen am Samstag, 8. Oktober, als der Winter mit seinen Muskeln spielte und es Frau Holle den ganzen Tag tüchtig schneien liess. Das Wintermärchen nahm seinen Lauf. In der Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat… Die diesjährige Erzählnacht auf dem Grubenberg liess für wahr keine Wünsche offen. Das war grosse Kunst mit leichter Hand von der Münchner Erzählerin Hedwig Rost vorgetragen.

Sie nahm uns mit in unbekannte Welten. Durch tiefe Schluchten und Täler, wieder hinauf in die wunderschönen Klangwelten mit ihrer Geige, die sie aber nicht nur zum Musizieren einsetzte. Hier war die Musik zweifelsohne das, wie Reiner Maria Rilke schreibt: «Musik: Du-Sprache, wo Sprachen enden». Mit zarten, fast sphärischen Klängen zeichnet die Geige den Weg der Geschichte. Immer mehr verschwimmt sie mit den Motiven und Gestalten der Erzählung. Und zum Schluss erzählt die Geige ganz allein. Das vielseitige Repertoir der grossartigen Künstlerin liess uns hören und staunen. Da war die Geschichte vom geigenden Schneider, der um sein Leben spielte, bis schliesslich sämtliche Saiten seiner Geige gerissen waren. Danach ging die märchenhafte Reise weiter nach Norwegen, wo Huhn Puhn, Gans Pans und Ente Pente im Dovre Fyäll die Welt retten wollten, bis sie schliesslich vom Fuchs Puchs gefressen wurden. Hier griff Rost zu darstellerischen Mitteln in Form eines weissen Tischtuchs, mit dem sie die Figuren geschickt darstellte. Die Geschichte wurde so zum eindrücklichen und lebendigen Bewegungs- und Bildertheater. Passsend zum Erzählort und zur Jahreszeit sang Hedwig Rost ein berührendes Lied aus ihrer bayerischen Heimat über eine alte Sennerin, die endgültig Abschied von ihrer geliebten Alp nehmen musste. Auch die Poesie kam an diesem märchenhaften Abend nicht zu kurz. So trug Hedwig Rost eine wunderbare Ballade von Heinrich Heine vor und machte auf aussergewöhnliche Art und Weise einen Abstecher ins alte Testament bis hin nach Babylon. Die Geschichte von der Kerze, die mit ihrem Licht die ganze Hütte erfüllte, rundete die diesjährige Erzählnacht in der Grubenberghütte festlich ab und verlieh dem Abend eine vorweihnächtliche Atmosphäre. Der Schneesturm pfiff um die Grubenberghütte, als die letzte Geschichte verklang. Behaglich knisterte das Feuer im Holzofen, die Kerzen flackerten und an den beschlagenen Fensterscheiben klebten Eiskristalle. Ob es die finstere Nacht und das Schneetreiben oder die unheimlichen Begegnungen aus den erzählten Geschichten war, die das anwesende Publikum zum Bleiben bewog? Auf jeden Fall freuen wir uns jetzt schon wieder auf die nächste Erzählnacht in der Grubenberghütte! PD

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Erstellt:
20.10.2011, 00:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 20sec
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