Schule Boltigen
Lebendige Vergangenheit war Thema der Projektwoche
Eine Zeitreise im eigenen Dorf liess das Boltigen der 40er- und 50-er-Jahre lebendig werden und weckte das Interesse an lokaler Geschichte.
Projektwoche 2026, Schule Boltigen
Mit grossem Eifer kurvten Jugendliche auf dem Veloziped vor der Gemeindeverwaltung herum. Sie beherrschten mühelos das antiquierte Zweirad mit unterschiedlich grossen Metallreifen, ohne Pneus oder Bremsen. «Hier hat es viele Schüler, die gar nicht wissen, dass sie sich für Geschichte interessieren. Sie verspüren jedoch eine Faszination für historische Fahrzeuge. Durch die alten Gegenstände und die Interviews mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen können wir so ein Interesse an Geschichte wecken», sagte Christian Lüthi vom Verein Zeitmaschine TV mit grosser Begeisterung.
Velogeschichte zum Anfassen
Die Sechst- bis Neuntklässler der Schule Boltigen hatten diesen Herbst eine ganz besondere Projektwoche, in der das Dorf vergangener Jahrzehnte lebendig wurde. Am Donnerstag, 3. September besuchten sie das HEKU-Velomuseum in Reidenbach. Lotti Kunz, Frau des bekannten Boltiger Velomechanikers und Sammlers Heinz Kunz, führte durch die Geschichte des Fahrrads mit Herzblut und Leidenschaft, vom Laufrad und Hochrad zum modernen Fahrrad. Unter anderem gab es Militär-, Post- und Bäckervelos, Markenschilder und Glocken zu bestaunen.
Fächerübergreifendes Projekt
Reallehrer Urs Reichenbach erklärte: «Die Schule hatte vor einiger Zeit eine E-Mail mit Werbung von Zeitmaschine-TV erhalten. Persönlich arbeite ich gerne mit Film, und das Projekt verbindet Geschichte, Technik, MI (Medien und Informatik) und Deutsch. Die Kinder hatten den Auftrag, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu finden. Im ersten Interview wurden Fragen gestellt und die Gespräche aufgezeichnet. Danach schnitten die Schüler die spannenden Teile heraus. Heute besuchen sie ihre Zeitzeugen wieder und filmen das Fotoalbum oder Gegenstände, die zum Thema passen. Wir haben angeschaut, wie man es filmisch spannend machen kann, zum Beispiel mit Heranzoomen, dem Schwenken zu einem Gegenstand oder indem man Hände filmt, die in einem Album blättern.»
Geschichte zugänglich machen
Die zwölf Schülerinnen und Schüler arbeiteten in Zweierteams. Aline Beyeler und Lindsey Egli sind 14 und 15 Jahre alt: «Wir haben am Montag mit dem ersten Interview mit unserer Zeitzeugin angefangen. Sie hat Jahrgang 1943. Wir haben sie dazu befragt, wie es früher war. Die Fragen haben wir im Voraus in der Schule erarbeitet. Sie war sehr nett und hat viel erzählt. Wir haben Fotos von ihrem Fotoalbum gemacht, und zusammen mit ihrer Stimme, die erzählt, wird daraus ein Video.» Auf die Frage, was den grössten Eindruck gemacht habe, antworteten sie: «Dass man früher ohne Handy und Internet die Informationen aus Büchern gefunden hat. Und dass man viel mehr im Freien gemacht hat.»
Lehrer Urs Reichenbach ergänzte: «Wenn die Lernenden im Lehrmittel lesen, ist das Interesse jeweils minimal. In dieser Woche haben wir uns auf eine moderne Art und Weise an die Geschichte herangetastet, man sieht Fotos und macht Videos vom eigenen Dorf. Dies macht das Fach zugänglicher und interessanter und fördert die Motivation.»
Eine Filmsammlung entsteht
Christian Lüthi, Historiker und Medienwissenschaftler sowie ehemaliger Journalist und Primarlehrer, ist Geschäftsleiter des gemeinnützigen Vereins Zeitmaschine TV. Er erklärte, wie die eigens entwickelte App «Z-moviemaker» funktioniert: «Die App begleitet das Projekt vom Interview bis zum Upload auf die Webseite. Mit ihr lassen sich kinderleicht Tonspuren aufzeichnen, schneiden und verfilmen. Das Spezielle dabei ist, dass die Tonspur synchron zum Filmvorgang abgespielt wird. Dadurch können auch die Zeitzeugen in den Filmvorgang eingezogen werden.»
Es entsteht somit eine Oral History Filmsammlung, die sich aus den Interviews, Fotos und weiteren Quellen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zusammensetzt. Das Projekt kann über die Kulturvermittlung des Kantons Bern oder direkt bei Zeitmaschine-TV gebucht werden. Für Altersheime gibt es zudem eine Nachmittagsunterhaltung mit Clips, Evergreens und alten Gegenständen.
Die Boltiger Zeitreise ist auf der Homepage von Zeitmaschine-TV unter der Rubrik «Regionale Sammlungen» zugänglich, zusammen mit vielen anderen spannenden Clip-Sammlungen aus dem ganzen Land.
Das Velomuseum ist jeden ersten Samstagnachmittag im Monat oder auf Anfrage geöffnet. Informationen dazu gibt es bei Lenk-Simmental Tourismus.