Energie-Trendwende: Die Sonnenenergie wird salonfähig

Das Simmental beginnt den Atomausstiegs-Entscheid der Regierung bereits heute umzusetzen

In der Schweiz soll der Bau neuer Atomkraftwerke verboten werden. Nach dem Nationalrat hat auch der Ständerat gestern Mittwoch (28. September 2011) dem Ausstieg aus der Atomenergie zugestimmt. Im Simmental werden in diesen Tagen zwei grosse Fotovoltaik-Anlagen montiert. Auf dem Scheunendach von Erika und Markus Messerli in Ringoldingen und auf dem Dach der Kopp Druck+Grafik AG in Zweisimmen montieren Spezialisten Strompannels, die das Sonnenlicht in kostbare elektrische Energie umwandeln. Bei Therese und Rolf Kunz in Zweisimmen (Hinterer Reichenstein) produziert eine Fotovoltaik-Anlage der Solar-E Suisse schon seit 2008 Strom.

Vorbild für andere: Landwirt Markus Messerli, Ringoldingen, zeigt auf die Fotovoltaikanlage hin, die in diesen Tagen auf dem Dach seiner Scheune montiert wird.

Vorbild für andere: Landwirt Markus Messerli, Ringoldingen, zeigt auf die Fotovoltaikanlage hin, die in diesen Tagen auf dem Dach seiner Scheune montiert wird.

Bisher sind kleinere Fotovoltaik-Anlagen vereinzelt auf Wohn- und Geschäftshäusern zu sehen. Die Gemeinden Zweisimmen und Diemtigen planen die Solar-Projekte auf Schulhausdächern und vereinzelt haben sich auch Landwirte für die neue Technik begeistern lassen. Das Zweisimmer Bauamt bestätigte die Bewilligung von Vorhaben auf Scheunendächern in Mannried und am Heimersberg.

Nur positive Erfahrungen

Schon 2008 hatte der Zweisimmer Landwirt Rolf Kunz sein Scheunendach für die Stromgewinnung zur Verfügung gestellt. Er ist mit der von der Sol-E Suisse erstellten 320-m²-Anlage und einer Leistung von 45 kWp, sehr zufrieden: «Ich würde es wieder machen, aber heute würde ich die Anlage auf eigene Rechnung erstellen. Heute wäre die von der Firma Muntwyler erstellte 3S/Swiss Solar Systems-Anlage mit weniger als der halben Kosten (damals kostete sie rund 600 000 Franken) zu erstellen». Im Hinteren Reichenstein auf gut 1300 m ü. M. wurden im Jahr 2009 über 40 000 Kilowattstunden Energie produziert.

Scheunendach vermietet

Auch Familie Erika und Markus Messerli aus Ringoldingen hat ihr Dach vermietet und erhält vom Betreiber eine Rückvergütung in der Höhe von 8% aus dem Erlös der errechneten, jährlichen 85 000 Kilowattstunden Energie. Familie Messerli wurde nach dem Scheunen-Neubau 2008 von der Firma BZA kontaktiert. Das deutsch-schweizerische Unternehmen, eine Gesellschaft für bargeldlosen Zahlungsverkehr und Abrechnungen, hat ihren Sitz im thurgauischen Raperswilen. Mehr als zwei Jahre später ist nun die fast 780 m² grosse Anlage (beide Dachseiten) mit einer Leistung von 88 kWp bewilligt worden und wird zurzeit von den deutschen Mitarbeitern der BZA montiert. Die monokristallinen Module (Südseite) und die Dünnschichtmodule (Nordseite) stammen aus chinesischer Produktion, die Wechselrichter von der deutschen Firma Siemens.

Kopp Druck+Grafik AG deckt ihren Verbrauch mit Solarstrom

An der Gewerbestrasse 1 und 1A wird künftig die vom Stromnetz bezogene Energie drastisch gesenkt. Vor einem Jahr wurde die Elektro-Speicherheizung durch eine Wärmepumpe ersetzt. Jetzt wird auf dem Süddach eine Fotovoltaik-Anlage montiert. Mit der von der Kopp Druck+Grafik AG gebauten Anlage deckt die Firma ihren Stromverbrauch in Zukunft (inkl. Heizstrom) zu 200%. Damit ist die KMU in der Lage ihre Printprodukte umweltfreundlich und klimaneutral mit eigenem Solarstrom aus den Schweizer Alpen zu produzieren.

Wissenswertes rund um die Solarstrom-Erzeugung

Am 23. März 2007 hat das Parlament im Zuge der Verabschiedung des Stromversorgungsgesetzes (StromVG) auch das Energiegesetz (EnG) revidiert. Mit der kostendeckenden Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Energien (KEV) sollen dafür jährlich rund 247 Millionen Franken für Abgeltungen geleistet werden.

Erfreuliches gibt es von der BKW zu berichten. Bisher vergütete die BKW als Solarstromabnehmer Minimalstpreise. Grössere Stadt-Stromwerke sowie Gemeinden bezahlten für Solarstromerzeugung seit Jahren das x-fache. Nun vergütet auch die BKW bis zum Erhalt der KEV-Vergütungen 80% von deren Ansätzen (minus 9,72 Rp. Rücklieferungsabzug). Die KEV wird während 20–25 Jahre ausgerichtet, sofern man in der langen und gedeckelten Warteliste das Glück hat, an die Reihe zu kommen (siehe erste Seite).

Die meisten Panel-Hersteller geben auf ihren Produkten nach 20/25 Jahren eine Garantie von 80% ihres Leistungs-Nennwertes. Somit ist anzunehmen, dass solche Anlagen auch nach deren Garantie-Ablauf weiterhin noch viele Jahre Strom – dann fast gratis – produzieren werden.

Strom – die saubere Energie – ohne den fast nichts auf dieser Welt läuft

Laut der Solarindustrie könnte der Stromverbrauch der Schweiz zu einem Drittel mittels Foto-Voltaik hergestellt werden, sofern die geeigneten Süddächer mit Solar-Panels ausgestattet würden. Dazu müssten aber neue, intelligente Niederstromnetzwerke erstellt werden (Smart Grid). Diese integrieren sämtliche Akteure auf dem Strommarkt durch das Zusammenspiel von Erzeugung, Speicherung, Netzmanagement und Verbrauch in ein Gesamtsystem: Die Erzeugung von Strom wird von Kontrollsystemen gesteuert. Da mit diesem System immer nur so viel Strom produziert wird, wie benötigt, werden Netzüberlastungen vermieden.

Riesiges, ungenutztes Potential

Fotovoltaik-Pionier Rolf Kunz ärgert sich, wenn grosse Scheunendächer ohne derartige Anlagen erstellt werden. Mit dem Einbau könnten die Bauherren mehrere Fliegen auf einen Schlag treffen. Erstens würde die einzudeckende Dachfläche kleiner, zweiten könnten sie ihren Strom selber produzieren und drittens würden sie für das eingesetzte Kapital auch noch eine angemessene Rendite erzielen». Er hofft darum ganz fest auf das Schweizer Parlament, das die Gesuchs-Kontingentierung dringend aufheben sollte: «Es darf doch nicht sein, dass 13 000 bauwillige Hauseigentümer jahrelang auf eine Bewilligung ihrer Gesuche warten und stattdessen Atomstrom beziehen müssen. Der aktuelle Zustand ist eine – von den Stromlieferanten mitinszenierte – Behinderung der Bevölkerung. Die Nutzung von Sonnenenergie ist für die Landwirtschaft eine grosse Chance. Nicht zu vergessen sind die Möglichkeiten für innovative Unternehmer. Hier bieten sich einzigartige Möglichkeiten für die Schweizer Industrie und für das Gewerbe, gerade auch in Bergregionen».

Rolf Kunz vor dem Wechselrichter, über den 2009 mehr als 40000 kWh von seinem Scheunendach ins BKW-Netz geleitet wurden.

Rolf Kunz vor dem Wechselrichter, über den 2009 mehr als 40 000 kWh von seinem Scheunendach ins BKW-Netz geleitet wurden.

Auf dem Dach der Gewerbebetriebe in der Gewerbestrasse 1 in Zweisimmen wir eine Solaranalage mit einheimischen Handwerkern auf eigene Rechnung erstellt.

Auf dem Dach der Gewerbebetriebe in der Gewerbestrasse 1 in Zweisimmen wir eine Solaranalage mit einheimischen Handwerkern auf eigene Rechnung erstellt.

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Erstellt:
29.09.2011, 01:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 21sec
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