Bürokratisches Managed-Care

Am 17. Juni stimmen wir über Managed-Care ab und ich empfehle Ihnen, dieses Krankenkassenmodell abzulehnen. Folgendes sind die Gründe:

Zahlreiche gute Modelle vorhanden

In der Schweiz sind bereits weit mehr als die Hälfte aller Personen über Hausarztmodelle versichert. Jedoch nur 6.2 Prozent aller Versicherten sind in einem eigentlichen Managed-Care Modell integriert, anders als uns dies häufig dargestellt wird. Zahlreiche der heute erhältlichen Modelle sind sehr bewährt und deutlich flexibler als die Managed-Care-Modelle. Und trotzdem bieten sie den Patienten deutlich günstigere Prämien an als die normale Grundversicherung.

Zusammenarbeit mit Spezialisten / Qualität

Heute arbeitet jeder Hausarzt mit zahlreichen Spezialisten zusammen. Dies ist heute eine Selbstverständlichkeit für alle Praktiker. Das Managed-Care-Modell wird hier den Ärzten und Patienten höchstens weitere Einschränkungen auferlegen. Schlussendlich wird der Hausarzt Patienten an Spezialisten zuweisen müssen, die er als ungeeignet erachtet. Dies ist nicht im Interesse der Versicherten.

Eingeschränkte Hausarztwahl

Den verschiedenen Hausarztmodellen ist gemeinsam, dass man bei einer Erkrankung zuerst den gewählten Hausarzt aufsuchen muss. Dies ist auch gut so. So wird nämlich die Behandlung zusammen mit den Spezialisten koordiniert und Doppelspurigkeiten werden vermieden. Im Managed-Care-Modell ist man jedoch ausgesprochen eng an den Hausarzt gebunden. Solange alles gut läuft, ist dies für die Patienten auch kein Problem. Gesetze sollen jedoch vor allem in schwierigen Situationen greifen, und dies ist nun bei Managed-Care leider nicht der Fall.

Es gibt zahlreiche Situationen, wo die Einschränkung der freien Arztwahl Patienten in eine missliche Situation bringen kann. Steht ein Patient in Behandlung und läuft etwas schief, bleibt der Erkrankte u.U. bis zu drei Jahren an seinen Hausarzt gebunden, obwohl das Vertrauensverhältnis ev. auf den Nullpunkt gesunken ist. Es ist eine Illusion zu glauben, die Managed-Care-Netze würden diese enge Bindung nicht durchsetzen, sollte das Obligatorium eingeführt werden. Gesetzlicher Spielraum wird immer ausgenutzt, wie wir dies aus anderen Ländern kennen, wo derartige Modelle eingeführt worden sind. Und fühlen Sie sich dann wohl bei einem Arzt, welcher Sie u.U. nicht ernst nimmt oder zu welchem Sie kein Zutrauen mehr haben? Arztwechsel werden in den Modellen u.U. mit hohen Austrittsgebühren belastet.

Diener zweier Herren

Ein weiterer Kernpunkt im Managed-Care ist die Budgetmitverantwortung des Arztes. Der Arzt ist von der Krankenkasse mit in deren Sparprogramm eingespannt und erhält bei erfolgreichem Sparen finanzielle Zuwendungen. So berichtet mir ein Managed-Care-Arzt von einigen tausend Franken Zusatzgewinn im vergangenen Jahr, zusätzlich zu den allgemein geltenden kantonal vereinbarten Tarifen. Ob finanzielle Interessen hier keine Rolle spielen? Als Patient möchte man nicht einem Arzt gegenübersitzen, welcher in einem Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen der Kassen und dem Patientenwohl steht. Managed-Care bietet dem Arzt Geld dafür, dass seine Entscheidung zugunsten des Betriebsergebnisses ausfällt.

Ausufernde Bürokratie

Managed-Care ist ein extrem bürokratisches System. Mit diesem bürokratischen Aufwand rechtfertigen diese Ärzte ihre Zusatzgewinne. Wollen wir das, diese Bürokratie?

Problem Vertrauensarzt

Im geplanten Managed-Care-System soll der Hausarzt der Kasse auch als Vertrauensarzt dienen. Dies zeigt besonders deutlich diese ungesunde Verflechtung von Hausarzt und Versicherung. Wir kennen dies von der Invalidenversicherung her, wo die Versicherungsärzte z.T. für uns Hausärzte nicht nachvollziehbare Entscheidungen treffen. Hier ein Beispiel: Es handelt sich um eine Frau, welche an Multipler Sklerose leidet und wegen dieser Krankheit schrittweise ihre Stelle aufgeben musste. Ausschlaggebend war hier v.a. eine ungewöhnliche Müdigkeit und Erschöpfbarkeit, wie dies für diese Krankheit bekannt ist. Die Patientin musste ihre Krankheit akzeptieren lernen, musste sehr schmerzlich die Berufsaufgabe verkraften und schliesslich noch erfahren, wie sie die IV-Ärzte für voll arbeitsfähig erklärten!

Der Hausarzt – Vertrauensarzt der Versicherung? Es mutet an wie ein schlechter Scherz!

Blick über die Grenzen

Managed-Care wurde vor vielen Jahren in den USA grossflächig eingeführt. Wie es sich zeigte, profitierten hier einzig die Kassen. Für Patienten und Ärzte führte das System zu keiner Verbesserung. Unsere Politiker und Kassen würden sich natürlich über dieses System freuen, welches v.a. ihre Interessen unterstützt.

Anlässlich eines kürzlichen USA-Aufenthalts verfolgte ich mit Interesse die Fernsehreklamen der Krankenkassen: «No network!» – «Kein Netzwerk!». So versucht man dort heute die Patienten für unbeliebtes zu gewinnen.

Bedenkliches vernehmen wir aus Holland, wo die Bevölkerung flächendeckend Managed-Cared versichert ist: Ärzte, die keine Zeit haben, lange Wartezeiten, übersehene Diagnosen wegen Bindung an den Managed-Care-Hausarzt, dem man nicht ausweichen kann usw.

Immer mehr Staat

Mit Managed-Care wird die heutige Vielfalt an Hausarztmodellen stark eingeschränkt. Ein echter Wettbewerb unter den Anbietern entfällt.

Bereits heute stehen die Allgemeinärzte unter grossem Druck von Seiten des Staates. Weitere Einschränkungen führen dazu, dass die Patienten mehr und mehr abgefertigt werden müssen, wie dies in den umliegenden Ländern bereits üblich ist. Sollten wir unser hohes Gut, unsere Freiheit, nicht besser schützen?

Warten auf bessere Hausarztmodelle

Das von der Politik angebotene Managed-Care-Modell ist leider unglücklich ausgefallen. Es empfiehlt sich dieses Modell abzulehnen. Andererseits liegt viel Potential in der Hausarztmedizin. In diesem Sinn hoffen wir auf einen besseren Gesetzesentwurf, welcher nicht nur Kassen und Bürokratie stärkt, sondern v.a. der Bevölkerung Vorteile bringt. Bessere Angebote auf freiwilliger Basis sind rigiden Modellen und mehr Staat auf jeden Fall vorzuziehen. Dr. med. M. Perrin, Zweisimmen

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Erstellt:
07.06.2012, 00:00 Uhr
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