Stundensteine im Simmental
Kürzlich sind zum Thema Stundensteine zwei Beiträge in der Simmentalzeitung erschienen. Als ehemaliger Mitarbeiter beim IVS (Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz) möchte ich diese noch etwas ergänzen:
Stundensteine sind allein stehende, behauene Steine mit eingemeisselter Distanzangabe, welche in regelmässigen Abständen am Strassenrand wichtiger Verkehrswege aufgestellt worden sind. Sie geben die zu Fuss zurückgelegte Distanz in Stunden an und beziehen sich jeweils auf einen zentralen Ort. Schon die Römer stellten Meilensteine an ihren grossen Verkehrsadern auf. Die Berner Regierung setzte im 18. und 19. Jahrhundert systematisch Stundensteine an die wichtigen Landstrassen, die sternförmig in alle Gegenden ihres Territoriums führten, also auch ins Oberland, in den Aargau und ins Waadtland. Eine Karte von 1850 zeigt allein im heutigen Kantonsgebiet über 120 Stundensteine; rund drei Viertel davon sind noch heute, meistens am rechten Rand, an alten Landstrassen anzutreffen. Sie gaben jeweils die Entfernung vom Zytglogge an, dem Zentrum der Stadt und des Staates Bern. Ursprünglich betrug der Abstand von Stein zu Stein 18 000 Berner Fuss (5279 m). Im Jahre 1838 verkürzte man die Wegstunde auf 16 000 Schweizer Fuss (4800 m) und versetzte die Steine entsprechend. Im Simmental sind diese «ausgedienten» Steine zum Glück noch alle vorhanden. Sie gelten als wertvolles Kulturgut und rufen nostalgische Erinnerungen ans Postkutschenzeitalter wach. Alle Stundensteine sind im Inventar der geschützten Kulturgüter des Kantons Bern erfasst.
Der Stundenstein bei der Matte: Auf dem Gebiet der Gemeinde Boltigen stehen zwei originale Stundensteine, beide aus Granit gehauen. Der erste, westlich von der Mattenbrücke, ist schon mehrfach beschädigt und wieder geflickt worden. Er besteht aus einem aufrechten Quader mit einem Kopf, der einem Wallmdach ähnelt. Die Inschrift lautet: «XII STUNDEN VON BERN». Die Inschrifttafel selber besteht aus einem Rechteck mit viertelkreisförmig eingerundeten Ecken; sie ist ein wenig erhaben.
Der zweite Stundenstein, «XIII STUNDEN VON BERN», befindet sich in Weissenbach, nördlich der Brücke über die Simme. Er ist in eine Stützmauer eingesetzt und ruht auf einem Sockel. Seitliche Löcher verraten, dass er früher auch als Türlistein gedient hat. Er gleicht dem bei der Mattenbrücke.
Der nächste Stundenstein stand bis 1978 nördlich des Forellensees, unterhalb von Zweisimmen. Für die 750-Jahrfeier von Zweisimmen erlaubte der zuständige Oberingenieur des Kantons leider dessen Versetzung um 1500 Meter auf den Dorfplatz von Zweisimmen, gegenüber dem «Bären». Stundensteine, die nicht in Mauern integriert sind oder dicht am Strassenrand stehen, werden leider manchmal angefahren und beschädigt; man sollte sie deshalb etwas zurückversetzen. Peter Mosimann, Köniz