100 Jahre Sekundarschule Boltigen – ein Abschied?
100 Jahre Sekundarschule Boltigen
Alle Schulen der Gemeinde Boltigen waren am 19. und 20. Juni zum zweitägigen Jubiläumsfest «100 Jahre Sekundarschule Boltigen» eingeladen, und die gesamte Lehrerschaft sowie einige Eltern haben in den umfangreichen Vorbereitungen und in der Durchführung des Sekundarschulfestes kollegial geholfen.
Der Anlass wurde von Beatrice Rösti koordiniert und geleitet. Da der Weiterbestand der Schule gefährdet ist, könnte es das letzte entsprechende Fest gewesen sein…!
Im Schuljahr 1908/09 hat die Sekundarschule Boltigen ihren Betrieb in einem alten Haus in Reidenbach aufgenommen. 1960 wurde am gleichen Standort eine neue, grosszügige Schulanlage mit Turnhalle eingeweiht, die mit den Primarschulen zusammen bis heute benützt wird.
Freitags-Aktivitäten
In dieser Anlage mit Mehrzweckhalle wurde das Fest veranstaltet. Am Freitagvormittag vergnügten sich die Kinder Unter- und Mittelstufe dort im Spiel ohne Grenzen, leider zum Teil in strömendem Regen. Die Lehrerinnen führten mit ihren Schützlingen ein Turnier der Kantone durch, das sich mit grossem Wettkampfeifer und reichlichen Anfeuerungsrufen abwickelte. Laufendes Band, Büchsen-Wettlauf, Putzlappenspiel, Verkleideter Staffellauf, Sumo Ringer, Mühlespiel mit lebenden Steinen, Wassertransport und Watt’s up brachten die Wettkämpfer in Fahrt. Die Schüler der Oberstufe vergnügten sich im Hallenbad Lenk und im Seilpark Zweisimmen. Dort mussten sogar drei abgestürzte englische Scouts gerettet werden. Das Mittagessen erhielten alle in Reidenbach.
Die Hauswirtschaftslehrerin Ursula Gerber versorgte die hungrige Schar mit 230 Portionen Spaghetti Bolonaise aus der Hallenküche.
Am Nachmittag durften die jüngeren Schüler im Kino Lenk den Film «Ratatouille» geniessen, und die Grossen vergnügten sich in der Mehrzweckhalle mit einer Band aus Interlaken bei einem Rock-Konzert und beim Discobetrieb.
Den Abend widmete man dem traditionellen Schülertheater in der Mehrzweckhalle. Mit grossem Einsatz und erstaunlicher Fertigkeit spielte die 9. Sekundarklasse unter der Regie von Schulleiter Martin Grundbacher das Volksstück «Dr Giisse-Balz» von Josef Brun, inhaltlich eine Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich, mit kriminellem Einschlag.
Samstag als Jubiläumstag
Mit einem Musikapéro begannen die Aktivitäten am Samstag. Unter der Leitung von Musiklehrer Hanspeter Janzi spielte die Jungbläsergruppe «Bäder-Bläch», alles Schüler der jubilierenden Schule, in vorzüglicher Frische alte und neuere Kompositionen. Auch die brillanten Soloauftrittedes ehemaligen Schülers Michael Meinen am Xylophon und am Schlagzeug fanden ungeteilten Beifall.
Die nachmittägliche Versammlung des Sekundarschul-Vereins interessierte viele Ehemalige. Präsident Ernst Meinen führte speditiv durch die Traktanden. Man vernahm von Kassier Alfred Gerber, dass die Schule vom Verein in den letzten 30 Jahren durchschnittlich pro Jahr mit 2700 Franken für Theaterbesuche, Schulreisen, Lagerwochen und auch für zusätzliche Anschaffungen unterstützt worden ist. An Stelle der zurückgetretenen Vorstandsmitglieder Elisabeth Fahrni und Elsbeth Guggisberg wählte man Doris Lörtscher und Jürg Niederhauser. Schulkommissionspräsidentin Monika D’Incau orientierte die aufhorchende Versammlung über das weitere Schicksal der Schulen in der Gemeinde Boltigen. Vorgesehen sei ein Oberstufenzentrum Obersimmental in Zweisimmen zu schaffen, da sich die Schülerzahlen überall verminderten.
Dort wäre die Durchlässigkeit zwischen Sekundarschule und Realschule gewährleistet. Zur Zeit berate man in den Gemeinderäten der vier Gemeinden die Empfehlungen eines externen Fachberaters zum weiteren Vorgehen. In zirka drei Jahren müsse unsere Oberstufe neu ausgerichtet werden. Die Gemeinde Oberwil, die ihre Sekundarschüler bisher in unserer Schule ausbilden liess, habe beschlossen, sich künftig an der Sekundarschule Erlenbach zu beteiligen. Es sei bedauerlich, dass mit der Aufhebung unserer hundertjährigen Schule auch der Kontakt mit dem Niedersimmental vermindert werde.
Aber die entsprechenden Richtlinien der Kantonalen Erziehungsdirektion seien nicht zu umgehen. Jedenfalls beschloss die Versammlung, den Verein der Ehemaligen beizubehalten und unsere Schüler weiterhin zu unterstützen.
Festakt
Bereichert durch Lieder des Schülerchors, unter der Leitung von Hanspeter Janzi und Tanzdarbietungen der siebenten und achten Klasse, wurde ein gefälliger Festakt zum Jubiläum gestaltet. OK-Präsidentin Beatrice Rösti und Schulleiter Martin Grundbacher begrüssten die zahlreichen Besucher auf sympathische Art, worauf Schulinspektorin Susanne Müller in ihrer Kurzansprache das Wesen einer guten Schule definierte. Wenn die Kommunikation zwischen Lehrerschaft, Schülern, Eltern und Behörden stimme und Vertrauen herrsche, könne man einer Schule eine gute Bewertung erteilen. Dieses Zertifikat könne man der Boltiger Sekundarschule ausstellen.
Unter der Leitung des Lenker Grossrates Matthias Kurt, der hier früher diverse Stellvertretungen versehen hat, fand ein interessantes Podiumsgespräch statt, nicht am runden Tisch, sondern symptomatisch an Schulpulten. Alt Lehrer Alfred Hebeisen erzählte von seinen Freiheiten im Unterricht in den Vierzigerjahren, Andres Stocker gab seine Schwierigkeiten im Bruchrechnen bekannt, die er im nächsten Jahr beim Zuhören bei der im gleichen Zimmer unterrichteten unteren Klasse beheben konnte. Susanne Bettler und Sarah Küenzi äusserten sich über ihre Erfahrungen als Schülerinnen aus Oberwil.
Nach einer Grussadresse der Schulkommissionspräsidentin Monika D’Incau führte Gemeinderatspräsident Andreas Hutzli aus, dass hundert Jahre Schule auch hundert Jahre Wandel bedeute. Wandel in den Lehrmitteln, den Gebäuden und in den Strukturen. Man müsse diesen Wechseln immer mit positiver Einstellung begegnen. Ziel sei eindeutig eine optimale Ausbildung der Schüler.
Er rief dazu auf, auch dem anstehenden Wandel zuversichtlich entgegenzusehen.
Ausklang
Der Samstagabend brachte mit dem gleichen Stück wie am Vorabend noch einmal Theaterluft in die Halle. Die Neuntklässler verstanden es, der Aufführung noch einmal zum Erfolg zu verhelfen. Anschliessend spielte die Kapelle «Abebärg», zum Teil aus Ehemaligen bestehend, zur Unterhaltung und zum Tanz auf.
Die ganze Schulanlage, Eingangshalle, Turnhalle und Kaffeestube, waren liebevoll dekoriert mit Fotos, Kleidern, Möbeln und Gebrauchsgegenständen einst und heute. War es auch das letzte grosse Fest, ein Besuch lohnte sich!
Hans Jungi