Unsicherheiten nach der Abstimmung zum Zweitwohnungsbau. Statistiken vermitteln ein falsches Bild:

Das Simmental ist nicht mit Zweitwohnungen zugepflastert

Das Schweizervolk hat mit einer knappen Mehrheit entschieden, beim Zweitwohnungsbau restriktive Massnahmen einzuleiten. In Gemeinden mit einem Anteil von über 20% sollen nach dem Willen der Initiativ-Befürworter inskünftig in diesem Segment keine Bewilligungen mehr erteilt werden. Wir haben uns bei den Gemeindebehörden im Tal über die aktuelle Situation und die langfristigen Auswirkungen erkundigt. Das Fazit: Auch im Simmental vieles unklar.

Das Simmental ist nicht mit Zweitwohnungen zugepflastert

Alle neun Gemeinden im Simmental hatten sich am 11. März deutlich (mit Nein-Anteilen bis zu 77%) gegen die Franz Weber-Initiative ausgesprochen.

Nur Erlenbach und Wimmis sind nicht betroffen

Die anlässlich der Volkszählung im Jahr 2000 erhobenen Daten des Bundesamts für Statistik erwecken den Eindruck, dass das Simmental zu den am meisten mit Zweitwohnungen zugepflasterten Regionen im Kanton gehört. Glaubt man den Zahlen, so lägen im Simmental alle Gemeinden ausser Erlenbach (16,3%) und Wimmis (Daten nicht erhoben) über der im Initiativtext geforderten 20%-Marke. Lenk als bernischer Spitzenreiter führt diese Statistik mit 65% an; aber auch Diemtigen, Zweisimmen, Oberwil, St. Stephan, Boltigen und Därstetten liegen mit Werten zwischen 40% und 30% im kantonalen Spitzenfeld und deutlich über der 20%-Limite.

Unverständnis in den kleineren Gemeinden

Beat Zahler, Gemeindeverwalter, St. Stephan ist überzeugt, dass der effektive Anteil von Zweitwohnungen deutlich unter dem publizierten Wert von 34,6% liegt. Seine Kollegen Ramon Kunz aus Oberwil und Lorenz Ueltschi aus Därstetten gehen von maximal 10–15 Zweitwohnungen (und nicht von 35,5%, bzw. 29,5%) in ihren Gemeinden aus. Gross war auch die Überraschung in Boltigen (30%). Man war sich nicht bewusst, dass die Gemeinde betroffen sein könnte. In der Gemeinde Diemtigen (40,4%) errechnete das mit der Ortsplanungsrevision beauftragte Planungsbüro im Jahr 2010 einen Zweitwohnungsanteil von weniger als 20%. Selbst in Erlenbach, das nach offizieller Statistik mit einem Wert von 16,3% eigentlich nicht tangiert ist, beträgt die Anzahl der betroffenen Wohnungen nach Angabe von Gemeindeverwalterin Sonja Wiedmer nur gerade zehn Prozent. Dabei sind auch die Wohnungen, der unter der Woche auswärts wohnenden Einheimischen inbegriffen.

Unterschiedlichste Auswirkungen

Über die langfristigen Auswirkungen sind alle Gemeindevertreter besorgt. In Lenk erwartet man Arbeits- und Steuerausfälle, Wertverminderungen von Bauland und einen administrativen Mehraufwand. St. Stephan verweist auf die Tatsache, dass seit Jahren Bauland für Einheimische angeboten werde und dieser Frage im Rahmen der kommenden Ortsplanung noch vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werde. Zweisimmen erwartet empfindliche Auswirkungen mit einem «Rattenschwanz», der letztendlich alle BürgerInnnen betreffe. In Boltigen stellt sich für Gemeindeschreiber Ruedi Matti insbesondere die Frage nach der Zukunft der Ferienhauszone Jaunpass, nach dem Bestand der revidierten Ortsplanung und den gültigen Reglementen. Was die Entwicklung vor Ort anbelangt, fühlt man sich in Oberwil, Därstetten, Erlenbach und Wimmis weniger betroffen. Aber auch in diesen Gemeinden rechnet man mit dem Verlust an Arbeitsplätzen, weil ortansässige Firmen bisher von Aufträgen aus grösseren Tourismusgemeinden im Oberland profitiert haben.

Neue Daten erheben!

Bis im Juni will nun die Landesregierung von Spezialisten abklären lassen, was überhaupt eine Zweitwohnung ist. Als logische Folge müssten auf dieser Grundlage anschliessend alle Daten im Bereich Zweitwohnungen neu erhoben werden. Allein schon diese Massnahmen werden viel Zeit und Geld kosten, aber sie dürften dazu führen, dass sich zahlreiche Gemeinden (auch im Simmental) unter der 20%-Limite wiederfinden werden!

Ernst Hodel

Erstwohnungen und/oder Zweitwohnungen? Hübeli-Quartier (Bild links) in Zweisimmen und Ferienzone Wiriehorn (rechts): Gemäss BSA hat es in Diemtigtal 40,4% Zweitwohungen. Die 2011 revidierte Ortsplanung geht von maximal 20% aus!?!

Erstwohnungen und/oder Zweitwohnungen? Hübeli-Quartier (Bild links) in Zweisimmen und Ferienzone Wiriehorn (rechts): Gemäss BSA hat es in Diemtigtal 40,4% Zweitwohungen. Die 2011 revidierte Ortsplanung geht von maximal 20% aus!?!

Oberwil mit Blick zum Rossberg: Wo sind die 35,7% Zweitwohnungen?

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Erstellt:
22.03.2012, 08:42 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 27sec
Kommentare
beuret jeanpierre 22.03.201219:13 Uhr

Zwangsjacke und Zangenangriff auf die Regionen.
Nun will man die Bergregionen endgültig in die Knie zwingen, da wo Innovation und Eigeninitiative noch fussfassen könnten ohne die Landschaft zu zerstören, legt man Fesseln an. handicapet den Tourismus als einzig Entwicklungsmöglichkeit. Gelichzeitig baut man Öffentliche Infrastrukturen und lässt die Regionen mit einer schlechten Versorgung zurück. Lässt aber den Geldstromm und die Arbeitsplätzte den Zentren (z.B. Spitalversorgung und Verwaltung) zufliessen!
Wie heisset es: Denen die Wenig haben wird das Wenige genommen denen die Haben wird noch mehr gegeben.