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Zur Mitteilung der IG Spitalversorgung Simmental-Saanenland

Ärztemangel und «Büro-Zeiten-Medbase»

Von Matthias Perrin

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In der Simmental Zeitung vom 8. September nehmen Grossrat Knutti und Hans-Jörg Pfister Stellung zum Fachkräftemangel im Gesundheitswesen, worauf ich hier eingehen möchte. Unsere Bevölkerung sieht sich zunehmend mit den negativen Folgen dieses Fachkräftemangels konfrontiert.

Im Spitalbereich zeigt sich dies mit Ärzten und Ärztinnen sowie Pflegepersonal, welche häufig an ihre Leistungsgrenze gelangen. In vielen Arztpraxen ist die Situation ähnlich. Hier wirkt sich der heute weitverbreitete Ärztemangel sehr negativ aus, dies besonders in den ländlichen Regionen, wo die Praktiker zum Teil keine Nachfolger finden und deswegen übers Pensionsalter hinaus arbeiten oder Praxen schliessen müssen.

Warum dieser Ärztemangel?

Bereits 1998 wurde in der Schweiz der Numerus clausus für Medizinstudenten mit Eintrittsprüfung ins Studium eingeführt. Dies ist eine Massnahme, die die Zahl Medizin Studierender einschränken sollte, letztlich mit dem Ziel, auf längere Sicht die Zahl praktizierender Ärzte zu reduzieren. Man erhoffte sich damit die überlaufenden Kosten im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. So lastete man also, wie salopp wieder und wieder wiederholt, diese Kostenexplosion der «Ärzteschwemme», den frei praktizierenden Ärzten an.

Schon früh wurde allerdings von verschiedener Seite kritisiert, diese Massnahme werde in ferner Zukunft zu einem Ärztemangel führen. Und da stehen wir nun heute. Leider wurde hier von der Politik viel zu spät Gegensteuer gegeben, indem erst kürzlich die Anzahl Medizin Studierender wieder angehoben worden ist. Bis diese Studenten zu voll praktizierenden Ärzten/Ärztinnen ausgebildet sein werden, wird dies Jahre dauern, und in der Zwischenzeit haben wir uns mit diesem von unseren Räten gezielt herbeigeführten Ärztemangel herumzuschlagen.

Wie sieht dies lokal in der Region Zweisimmen aus?

Dies ist wohl allgemein bekannt. Bis vor wenigen Jahren gab es eine adäquate Versorgung mit den Praxen Dr. Stucki und Dr. Zimmerli sowie mit der Praxis, die ich zusammen mit meiner Frau führte, stets natürlich mit dem Spital im Hintergrund. Meine Frau und ich hatten im Hinblick auf unsere Pensionierung das grosse Glück dem Ärzte-Ehepaar Dres. Maier unsere Praxis in beste Hände übergeben zu dürfen.

Weniger erfolgreich waren unsere Kollegen Stucki und Zimmerli. Aufgrund des immer akzentuierteren Ärztemangels gab es keine Nachfolger mehr für ihre sehr erfolgreichen Praxen, dies trotz intensivster Suche. Hier sprang die neu gegründete Medbase in Zweisimmen ein. Sie bot den Kollegen eine Übergangslösung an mit der Möglichkeit, bis zur Pensionierung an der Medbase zu arbeiten, übernahm zu einem guten Teil deren Patienten und man erhoffte sich in der Zwischenzeit eine Fortsetzung zu finden.

Wo stehen wir heute?

Während die Medbase zum Zeitpunkt des Ausscheidens von Dr. Stucki und Dr. Zimmerli noch 230 Stellenprozente für Allgemeinärzte zu belegen vermochte, schrumpfte diese Zahl nach dem Weggang der Kollegen in der Zwischenzeit auf 100 Prozent zusammen. Zusätzlich versieht Frau Dr. M. Ader, wie zuvor bereits, ihre Stelle als Kinderärztin in der Praxis. Der Bereich Allgemeinmedizin der Medbase wird heute von meiner Frau und ihrem Kollegen Dr. F. Meier abgedeckt, beides Ärzte, bereits im Pensionsalter, deswegen auch mit reduziertem Pensum. Nach wie vor konnte keine junge Nachfolge gefunden werden.

Natürlich versuchte man auf jegliche Weise, die Lücke zu füllen. Es wurden zahlreiche Inserate lanciert, ohne durchschlagenden Erfolg. Man gelangte an unsere Politiker mit der Bitte um helfende Unterstützung. Von dort blieb bis heute jedoch jegliche Hilfe aus. Man wandte sich auch an die Spital STS AG, wo sich ein Lichtblick zeigte. Es wurde der Medbase ein ausgebildeter Arzt zugeteilt, welcher grosse Entlastung gebracht hätte. Leider lief auch dies schief.

Unlängst wurde von unseren Räten ein neues Gesetz verabschiedet, welches von ausländischen Ärzten über drei Jahre den Aufenthalt an einer anerkannten Ausbildungsstelle in der Schweiz verlangt, bevor sie in einer niedergelassenen Praxis eingestellt werden dürfen. So arbeitet jetzt besagter Kollege hier am Spital Zweisimmen anstatt an der Medbase, was letztlich zu einer Verlagerung von Praxispatienten ins Spital führt. Eine frühere Ausnahmeregelung für Notstandsgebiete, mit welcher Engpässe überbrückt werden konnten, wurde von der Politik vor längerer Zeit ebenfalls wieder herausgekippt.

Die «Büro-Zeiten-Medbase»

Dies ist der unglücklich gewählte, wohl in der Hitze des Gefechts entstandene Ausdruck, mit welchem die Probleme der Medbase im Artikel von Grossrat Knutti und Altgrossrat Pfister skizziert werden. Herr Knutti hat sich jedoch in der Zwischenzeit mit einem freundlichen Brief bei meiner Frau für die Leistungen des Praxisteams bedankt, was sehr geschätzt wird. Natürlich hat der unglückliche Ausdruck einer «Büro-Zeiten-Medbase» das Team ins Herz getroffen, weswegen ich hier etwas näher auf die Situation in dieser Medbase eingehen will.

Die Reduktion des Stellenpensums der Ärzte der Medbase von 230% auf 100% stellte diese Praxis vor fast unlösbare Probleme. Es entstand ein kolossaler Engpass, den zu bewältigen es fast unlösbar ist. Hier ist wiederum das Spital eingesprungen, welches bereit ist, den entstandenen Patienten-Überlauf der Praxis zu übernehmen. Ebenfalls andere Praxen haben ausgeholfen und auch Patienten übernommen. Dem Praxispersonal fällt die undankbare Aufgabe zu, wegen bereits übervoller Sprechstunden laufend Patienten weiter weisen zu müssen. Sie sind es auch, die die enttäuschten Kommentare Abgewiesener einstecken müssen und geben sich trotzdem jegliche Mühe freundlich zu bleiben und weiter zu helfen.

Meine Frau beginnt ihren Arbeitstag um halb acht morgens und kehrt in der Regel um halb sieben oder sieben Uhr abends heim. An den Abenden vor einem nächsten Arbeitstag sehe ich sie bisweilen über Stunden die nächste, immer volle Sprechstunde vorzubereiten und die anfallenden administrativen Arbeiten zu erledigen. Die Praxisassistentinnen sind Frauen, die teils kleine Kinder, teils sogar einen Bauernbetrieb zuhause haben, was ihnen noch Gelegenheit gibt, es nach dem Praxisbetrieb spät werden zu lassen.

Leider sieht sich die Medbase von verschiedener Seite her immer wieder mit Anfeindungen konfrontiert. Es ist unberechtigt, diesem sehr engagierten Team diese Missstände anlasten zu wollen und ich hoffe, dass dieser unschöne Ausdruck der «Büro-Zeiten-Medbase» aus unserer Region wegverbannt bleibt.

Fazit

Die grosse Politik mag mit ihrer Beschränkung der Ärztezahl ihr Ziel erreicht haben. Das Nachsehen hat jedoch die Bevölkerung, bei welcher wir heute bereits die negativen Folgen einer Unterversorgung erkennen. Der Ärzte-Engpass kann weder dem Spital noch den Praxen angelastet werden. Er ist heute ganz einfach eine neue Tatsache, mit welcher man sich irgendwie zurechtfinden muss. Hier in Zweisimmen-Boltigen sind von den fünf Allgemeinärzten (Ehepaar Dres. Maier, Dr. Meier, Frau Dr. Perrin und Dr. Härri) bereits drei im Pensionsalter. Wie wird die Versorgung der Bevölkerung wohl in ein, zwei Jahren aussehen?

Was wollen junge Ärzte? Was zieht sie an?

An meiner letzten Anstellung im Tiefenauspital Bern hatte ich reichlich Gelegenheit, mit jungen Ärzten über ihre Zukunftsvorstellungen zu sprechen. Diese Ärzte sind sich natürlich ihrer heutigen starken Position sehr bewusst.

Angesichts des Ärztemangels stehen ihnen jegliche Stellen und Praxen frei nach Wünschen offen. So wählt man naheliegenderweise bevorzugt Assistenten- oder Oberarztstellen an grossen, zentralen Spitälern, die einer beruflichen Karriere am besten dienlich sind. Dort verfügt man z. T. über Kitas direkt am Spital und über das ganze Unterhaltungsprogramm einer Stadt. Heute wird in der jungen Ärzteschaft viel über die «Work-Life– Balance» gesprochen.

Vom Assistenten- und Oberarztverband gehen Bestrebungen aus, die Arbeitszeiten von Spitalärzten dieser Stufen gesetzlich auf ein tieferes Niveau zu reduzieren, was von hunderten von den jungen Ärzten unterstützt wird. Geht es später um eine Praxisübernahme, entscheidet man sich bevorzugt um Stadtnähe, wo es auch Nähe zu Spezialisten, zu Gymnasien und Gewerbeschulen und anderen guten Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder gibt.

Die entstandenen Probleme sind, wie für Sie ersichtlich sein mag, letztlich alles Folgen dieser Reduktion der Ärztezahlen, und hier kann nur die Politik Gegensteuer geben, was wir uns sehr herbeiwünschen. Die Medbase ist für jede Hilfe dankbar.

, Zweisimmen

Erstellt am: 15.09.2022

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