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Eine saftige Sache – Wimmiser Chirschmues

Es ist etwas Einmaliges geworden, eine regionale, eine lokale Spezialität: Das Wimmiser Chirschmues gibt es – soweit wir wissen – nicht noch einmal in der Schweiz. Und vermutlich nicht noch einmal in Europa.

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Eine saftige Sache – Wimmiser Chirschmues

Es braucht viele fleissige Hände, um die nachmittags angelieferten Kirschen zu verlesen.

In einem aufwendigen Verfahren werden am späten Nachmittag des Vorabends die Kirschen (vorzugsweise der Sorte «Die Schöne von Einigen») von fleissigen Händen verlesen und mit einem Spezial-Rührwerk so vorsichtig behandelt, dass sich das Fruchtfleisch von den Steinen und den äusseren Häuten löst.

Mühsam wird dann die Masse von Hand «ausgestreift», und man sammelt den wertvollen Roh-Saft und siebt ihn nochmals durch. Bisweilen entstehen dann sehr farbenfrohe Eindrücke.

Eimer für Eimer des wertvollen Zwischen-Produktes wird anschliessend in einen rund 300 Liter fassenden Kupferkessel gefüllt, und das Ganze wird – wie beim Käsen – langsam erhitzt. Ziel ist es, dass dabei rund 80 Prozent des im Roh-Saft vorhandenen Wassers nach und nach verdunstet.

Das dauert jedoch 15 Stunden, und man muss ständig dabeibleiben und die «Suppe» rühren. Nach und nach dickt dann das immer dunkelroter, und am Ende fast schwarz werdende Produkt langsam ein. Dabei wird es Nacht, und so kann man Wimmiser Chirschmues nur im Team herstellen. Und mehrere Schichten harren – ein wahrhaft «rührendes Bild» – dann vor dem rauchigen und anfangs stark dampfenden Kessel aus, immer darum bemüht, dass die wertvolle Masse nicht anbrennt.

Am Mittwoch, 3. Juli, war es auch in diesem Jahr wieder soweit: Um 17 Uhr konnten die ersten Kirschen angeliefert werden, und sofort begannen die Leserinnen und die Entsafter mit der optisch fast blutig wirkenden, aber in fröhlichster Stimmung durchgeführten Arbeit.

Frühmorgens, wenn die Hähne krähen…
Die ersten, die frühesten Wimmiser wurden in den vergangenen Tagen daher im Rauch des Kupferkessels schon gesehen, bevor die Hähne auf den Höfen von Wimmis ihren markanten Weckruf ertönen liessen: Die ganze Nacht hatte man – Nacht für Nacht – gekocht, und um Punkt fünf Uhr wechselte man im Morgengrauen zum letzten Mal die Schicht. Und immer wieder muss dabei der Kessel nachgeheizt werden.
Geschichte und Geschichten rund um das Wimmiser Chirschmues
Forscht man nach der Geschichte des schwarzroten Produktes, so stösst man schnell auf kleine Geschichten «drumherum», und im Grunde muss jeder sich das Bild der lokalen Köstlichkeit ein wenig selbst zusammensetzen.

Einige sagen, schon im Schweizer Wörterbuch (dem «Idiotikon», was so viel wie «Buch der sprachlichen Eigenheiten» bedeutet) sei unter der Jahreszahl 1528 eine Schweizer Redensart aufgeführt, bei der man als Ausdruck des Erstaunens sagte: «Potz Chriesimuos». Dem sprachgeschichtlich Geschulten sagt dies aber, dass das «Chriesimuos» schon eine sehr viel längere Vorgeschichte und eine sehr viel breitere Verbreitung im Schweizerdeutschen hatte. Sonst wäre es ja vor 500 Jahren keine Redensart geworden. Ein mittelalterliches Produkt also, und ein ehedem sehr verbreitetes dazu?

Der heutige «Vater der Chirschmueset», der Wimmiser Werner Lengacher, weiss aber mit Sicherheit dazu, dass es eine Diemtigtaler Urkunde aus dem Jahre 1634 gibt, aus der hervorgeht, dass «Einer» verurteilt wurde, weil er während der Herstellung der cremigen Spezialität ein «kleines Geschäft» in den Kupferkessel hineinfabrizierte: Die gesamte Arbeit und das wertvolle Produkt waren verloren, und der Delinquent wurde verurteilt.

In unseren Tagen aber war es eine Gruppe von Freiwilligen um Werner Lengacher herum, die – nach ersten Anfängen in den 70ern – im Jahre 1982 den Traditionsfaden begannen neu zu spinnen. Und sie tun es bis heute, als Freiwillige, zum Nutzen der Musikgesellschaft und des «Fremdenverkehrsvereins, also Wimmis Tourismus»: wie sich der Initiator Lengacher dann einmal schmunzelnd und mit gespieltem Versehen verspricht.

Gepflegt und gehegt: Der Kern kulturellen Erbes
Das Wimmiser Chirschmues hat auf jeden Fall eine sehr alte Tradition, eine Tradition, die heute wieder neu gepflegt wird. Bei dem Thema «Kirschen» kann man also die geschichtliche «Kernfrage», gut beantworten: Man weiss, woher sie kommen. Die Römer haben sie nach Europa gebracht.

Warum das Herstellen des Chirschmues heute nur noch in Wimmis gepflegt wird, das aber weiss am Abend und am Morgen, den der Verfasser dieses Berichtes mit den sympathischen Kirschmuskochern verbracht hat, niemand zu beantworten. Aber ein Eindruck verfestigt sich: Die Wimmiser haben eine alte Schweizer Tradition wieder zur Kultur, zu ihrer Kultur, gemacht: Nicht schlecht!

Am Mittwoch, 10. Juli endete die diesjährige Chirschmueset und der Verkaufserlös des Chirschmues kommt in unseren Tagen keinem einzelnen Wimmiser zugute, sondern der Musikgesellschaft und «Wimmis Tourismus». Dort (und in der lokalen Molkerei Lehnherr) kann man es auch kaufen.

Erstellt am: 13.07.2019

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