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Ensemble «Tenebrae» auf Weltklasseniveau

Im Rahmen des Gstaader Menuhin-Festivals gastierte am 21. August das Gesangs-Ensemble «Tenebrae» («Die Schatten», lateinisch) in der Kirche Zweisimmen.

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Ensemble «Tenebrae» auf Weltklasseniveau

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Das Ensemble «Tenebrae» überzeugte auf ganzer Linie.

Als souveräner Meister seines Faches entpuppte sich der Dirigent: Das frühere Mitgliede der «King’s Singers», Nigel Short

Mit verschiedenen Klängen führten sie die Zuhörerschaft durch musikalische Landschaften.

Komplett in seinem Element: Nigel Short.

Die Besucher erlebten höchste Präzision und perfekte Intonation der durchweg britischen Sängerinnen und Sänger. Und dies bei Musikstücken, die ausnahmslos der lateinischen und französischen Tradition entstammten. Das Ergebnis war, auch wenn man es sehr streng nimmt, einfach Weltklasse!

Frankreich und England
Das mehrheitlich aus London und der Universitätsstadt Cambridge stammende Ensemble «Tenebrae» hat sich überwiegend der französischen Vokalmusik verschrieben.

Dabei wurde an dem Abend in Zweisimmen der Bogen historisch sehr weit gespannt: Beginnend mit der frühen Mehrstimmigkeit des ausgehenden zwölften Jahrhunderts (Pérotin: «Viderunt omnes») und dem nachfolgenden Stück von Antoine Brumel (1460 bis 1515) konzentrierte man sich dann auf die lateinische und französische Vokalmusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Darunter sind sehr berühmte Namen, die man teils aus der Orgelmusik, teils auch aus der Orchestermusik kennt: Poulenc (mehrere Motetten), Messiaen («O sacrum convivium»), Duruflé (mehrere Motetten). Ausnahmslos trug man jedoch Vokalstücke vor, ein reiner a-capella-Abend also.

Äusserst kultivierte Stimmen
Basis für diese Aufführungsart des Ensembles «Tenebrae» sind (besonders in den hohen Frauen- und Männerstimmen) äusserst kultiviert geführte und hochklassig trainierte Stimmen. Leichteste Pianissimo-Stellen wurden ebenso hochpräzise ausgeführt wie äusserst starke Forte-Passagen. Und gelegentlich wurde eine solche Dynamik erreicht, dass feinsinnigere Zuhörer fast erschraken vor der Wucht des Ausdrucks.
Text und Musik in perfekter Einheit
Doch Text und Musik standen ausnahmslos im rechten Verhältnis zu einander! Und nur da wurde, konsequenterweise, die Intonation zum Äussersten gesteigert, wo der Text nicht nur eine Betonung erforderte, sondern einen bisweilen überhöhten, emphatischen Ausdruck.

Waren weite Teile des Konzertes schon mitreissend gesungen, so war besonders der Schluss einfach bestechend: Eine in sich zunächst fast langatmig erscheinende Kantate nach Texten des von Francis Poulenc zurecht bewunderten Dichters Paul Eluard («Figure Humaines») steigerte sich gegen Ende sowohl in textlicher Aussage –es wurde immer spannender und schöner – als auch in musikalischer Dynamik derart, dass sich im Schlussakkord eine nicht mehr zu überbietende Intensität des Ausdrucks mit einer kaum noch steigerbaren Tonhöhe verband.

Nach knapp zwei Stunden begeisternden Gesangs endete das Konzert unter dem frenetischen Beifall der bis zum Rand gefüllten Kirche.

Ein Blitzbesuch und erhellende Erklärungen
Dennoch war alles nur ein Blitzbesuch: Man war kurz vor dem Konzert mit dem Bus eingetroffen, und unmittelbar nach dem Umziehen brauste man mit demselben Gefährt schon wieder das Simmental hinunter. Denn am nächsten Tag gastierte man bereits in Luzern, mit demselben Programm übrigens. Es braucht eine robuste Gesundheit und junge Stimmen für solche Mammutaufgaben.

Eine von indischen Eltern stammende Mezzosopranistin («call me Anita»), die sich vor dem Konzert noch absolut «relaxed» gezeigt hatte, war danach verständlicherweise sichtlich müde. Und ihre von dem wilden Applaus begeisterten Soprankolleginnen waren zwar erkennbar gerührt von der ehrlichen Anerkennung, doch einzig der Dirigent, das frühere Mitglied der weltberühmten «King’s Singers» Nigel Short, fand ein wenig Zeit, den ernsthaft interessierten Fragen, noch einige ebenso ernsthafte Antworten zu widmen.

Dass man sehr, sehr ernsthaft trainiere, erläuterte er dabei. Dass man eigens Sprachtrainer angestellt habe. Und dass man die französische und lateinische Musik eben sehr liebe, gerade weil viele der Sänger aus der englischen Vokalmusik kämen und dort eine exzellente Vorbereitung erfahren.

Und dass man schon an manchen berühmten Schweizer Orten gesungen habe, aber jederzeit offen wäre für neue Erfahrungen. Besonders in Kirchen sänge man gerne, vor allem wegen der Akustik. Doch trotz der fast durchweg geistlichen Texte wolle man damit für keine bestimmte Glaubensrichtung Partei ergreifen. Es ginge schliesslich um die Musik.

Als man nachdenklich den Schlusslichtern des schnell davonfahrenden Busses hinterher sah, musste man sich die Frage stellen, um was es den meist tiefgläubigen Komponisten der vorgetragenen Stücke denn gegangen war. Und was das zu einem nicht unerheblichen Teil französischsprachige Publikum so tief berührt hatte, an diesem mitreissenden Abend. Hinter aller Perfektion und Weltklasse schien da nämlich noch etwas anderes zu sein…

Erstellt am: 03.09.2019

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